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Wie die Passionsspiele in Oberammergau: Der Handke-Biograf Malte Herwig regt an, “Immer noch Sturm” regelmäßig als Open Air auf dem Jaunfeld zu spielen

KLEINE ZEITUNG: Sie haben die Aufführung so aufmerksam verfolgt – bedauern Sie, dass Sie nicht auch als Kritiker bei “Immer noch Sturm” waren?

MALTE HERWIG: Bedauern? Nein, ich bin ja kein leitender Angestellter der Handke-Industrie. Ich habe den Text von Peter Handke als erster Kritiker vor einem Jahr in der “Zeit” besprochen. Die Biografie war meine private Entscheidung und eine sehr schöne Arbeit. Bedauern würde ich, nicht zur Aufführung gegangen zu sein. Sie war zu lang, das ist klar. Man hätte kürzen müssen, vor allem den Monolog am Ende. Aber ansonsten fand ich sie sehr gut, eine wundervolle Hommage mit wundervollen Darstellern. Dass Peter Handke zum Schlussapplaus auf die Bühne kam, war wie ein Ritterschlag für die Inszenierung von Dimiter Gotscheff.

Peter Handke greift in seinem Stück Kärntner Geschichte auf, zeigt die Slowenen als Verlierer, geht auf die Leistung der Kärntner Partisanen ein. Der Monolog am Ende klingt phasenweise wie eine Regierungserklärung.

HERWIG: Ich glaube, dass das Tragische am öffentlichen Schriftsteller Peter Handke wäre, wenn so etwas wie sein Besuch beim Begräbnis von Milosevic cdazu führt, dass jeder Kolumnist aufschreit und ihn niederschimpft. Wenn er aber ins schwarze Herz der österreichischen Geschichtsvergessenheit zielt, klatschen die Leute beifällig, lassen die politische Botschaft aber an sich vorbeigehen. Ich glaube, mit diesem Stück zielt Handke auch in dieses politische schwarze Herz. Deswegen fand ich den Aufführungsort nicht ideal. Es hätte entweder das Burgtheater sein müssen, in der Hauptstadt von Österreich, dem Zentrum. Oder das Jaunfeld. Aber Thomas Oberender hat dem Stück mit einem tollen Rahmenprogramm das bestmögliche Exil in Salzburg geschaffen. Mich würde sehr interessieren, wie die Reaktion in Kärnten ist.

Sie finden also: Das Stück muss in Kärnten gezeigt werden.

HERWIG: Auf jeden Fall. Es ist ein großes Kärntner Volksstück, wenn ich das als Deutscher so sagen darf. Mir hat es Kärnten sehr nahe gebracht. Es ist ein großes Stück über das Wesen und das Schicksal der Menschen hier, für mich ein historisch-politisches Gegenstück zu “Wunschloses Unglück”, das als eine Art Hausbuch der Kärntner gilt. Das ist das Stück der Kärntner. Ich würde eine Open Air Bühne ins Jaunfeld stellen und “Immer noch Sturm” regelmäßig aufführen. Wie die Passionsspiele in Oberammergau.

Ein reizvoller Gedanke. Handke wird nächstes Jahr 70. Das Land Kärnten könnte sich also in diese Richtung etwas anstrengen.

HERWIG: Es wird ja auch langsam Zeit, dass bei Suhrkamp die erste Ausgabe mit gesammelten Werken herauskommt. “Immer noch Sturm” ist Handkes großes Altersstück, fast eine Art “Faust II”. Ein Mythenspiel, das aus der Perspektive des Alters auf die wichtigsten Texte von Handkes Werk zurückgreift, Lebensthemen anklingen lässt. Auf die “Hornissen”, wo der verlorene Onkel Gregor vorkommt, auf die Tiraden der “Publikumsbeschimpfung”. Es erinnert auch an “Über die Dörfer”, wo sich der großstädtische Dichter Peter Handke eingefügt hat in die Landbevölkerung. Dann der Apfelmythos, der von der “Wiederholung” bis in die “Morawische Nacht” weiterentwickelt wird. Die Zitate aus der “Stunde, in der wir nichts voneinander wussten”. Es hat eine lange Entstehungszeit, mindestens zehn Jahre, in denen sich Handke immer wieder mit Kärntner Partisanen getroffen hat.

Sie haben auch Peter Handkes Arbeitsexemplar von Prunik- Gaspers “Gemsen auf der Lawine” gesehen?

HERWIG: Genau. Dieses Buch war die Hauptquelle, es ist voller Anreichungen, Randbemerkungen, einmal steht sogar da “Gute Prosa!”. Handke hat sich intensiv damit beschäftigt. Er gilt in der Öffentlichkeit ja als wandernder Dichter, der in die Natur geht, beobachtet, aufschreibt – das ist natürlich richtig. Aber hier hat er auch intensiv studiert und exzerpiert, er hat das Buch mehrmals gelesen, oft steht am Rand S. S., die Abkürzung für “Storm Still”, wie der Arbeitstitel von “Immer noch Sturm” lautete. Handke hat teilweise wörtliche Formulieren und Szenen übernommen. Etwa die Szene, wo das “Ich” die Hände der Mutter hält. Ein anderes Beispiel, da heißt es: “Ohne Partisaneneinheit wäre Kärnten wie ein Apfel, den der Bauer unter dem Baum verfaulen lässt”. Das ist eine Formulierung aus einem Partisanenbrief, der bei Prunik zitiert wird, das passt genau in Handkes große Apfelmythologie.

Eingearbeitet hat Handke auch die Feldpostbriefe seiner Onkeln. Das, entnimmt man der Biografie, ist auch Ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken.

HERWIG: Naja, vielleicht indirekt ein bisschen. Ich habe im Zuge meiner Recherchen auch Handkes Onkel Georg Siutz im hohen Alter kennengelernt, der im Stück als Valentin auftritt. In dessen Keller tauchten dann die Feldpostbriefe auf. Durch diesen glücklichen Zufall hat Handke sie wieder lesen können und zum Teil noch wörtlich in das Stück eingebaut.

Und Handkes Vater?

HERWIG: Der wird im Stück zwar nur am Rande erwähnt, spielt aber eine wichtige Rolle, Handke verflucht sich ja in der Person des “Ich” immer wieder selbst. Es heißt “Verflucht sei der Liebeswurm in deinem Liebesbauch”. Warum? Weil der Vater ein Deutscher ist; die Mutter begeht den Verrat mit einem Reichsdeutschen ein Kind zu zeugen. Das Dramatische ist ja, dass Handkes Vaters nicht nur Wehrmachtssoldat gewesen ist, das waren die Onkel auch. Der Unterschied ist, dass er bei der NSDAP war. Meine Nachforschungen ergaben, dass Erich Schönemann bereits am 1. 5. 1933 in die NSDAP eingetreten ist. Er war ein klassischer Opportunist, der sofort nach der Machtergreifung Hitlers in die Partei eingetreten ist, sehr eilig. Das darf man nicht vergessen, wenn man den Zwiespalt sieht zwischen Kärntner Slowenen, einer erdichteten Partisanenfamilie und einer Schwester, die sich mit einem NSDAP-Mitglied einlässt. Peter Handke ist eben kein Weihepriester des L’art pour l’art, der durch die Kärntner Landschaft spaziert und sich nur was ausdenkt. Sein Jaunfeld ist kein künstliches Paradies. Er steht mit den Füßen auf der Erde, und mit dem Kopf manchmal in den Wolken.

Einblicke in Handkes Welt im Rahmenprogramm der Salzburger Festspiele: Donnerstag, 19.30 Uhr u. a. mit Malte Herwig (Edmundsburg auf dem Mönchsberg)

NTERVIEW: USCHI LOIGGE. Erschienen in Kleine Zeitung, 18. August 2011

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Der ehemalige RAF-Terrorist Horst Mahler hat mit mir über seine Kontakte zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gesprochen. Das Gespräch fand in derJustizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel statt, wo Mahler eine mehrjährige Haftstrafe wegen Volksverhetzung verbüßt.

In der gegenwärtigen Aufregung um Mahlers angebliche Stasi-Tätigkeit traf es sich gut, daß ich mich bereits seit längerem für die seltsame Wendung einiger Achtundsechziger von ganz links (SDS/APO/RAF) nach ganz rechts (rechts von der NPD) interessierte und mit vielen Zeitzeugen gesprochen hatte.

Als ich Mahler traf, kannte ich seine IM-Vorlaufakte beim MfS aus den frühen 60er Jahren und habe ihn gezielt nach seinen Stasi-Kontakten gefragt. Die Frage, warum das MfS sich für ihn interessiert habe, beantwortet er so: „Also, ich glaube schon, dass die sich gedacht haben, aus mir könnte mal was werden, und dann ist es schon interessant, da den Finger drauf zu haben.“

Außerdem habe ich mit  dem Dutschke-Weggefährten und einstigen APO-Theoretiker Bernd Rabehl über seine Hinwendung zur NPD gesprochen. Daraus ist so etwas wie ein Reportage-Essay geworden über deutsche Revolutionäre im Rentenalter (den Kalauer vom Un-Ruhestand ersparen wir uns, auch wenn er nicht so fern liegt).  Der  Text ”Zwei links, zwei rechts. Wie Deutschlands Linke rechts wurden” erscheint am 11. August 2011 im ZEITmagazin.

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Morgen veröffentlicht der stern meine Geschichte  über die NSDAP-Mitgliedschaften führender Köpfe der Bundesrepublik. Von Generalbundesanwalt Kurt Rebmann über Kinderbuchautor James Krüß und Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann bis hin zu dem Politologen Iring Fetscher und Ex-Außenminister Genscher entfaltet sich ein Panorama der jüngsten deutschen Geschichte.
Die Recherchen haben Jahre gedauert, da ich nicht einfach Namen mal eben schnell als Sensationsmeldung rausgeben wollte. Daß der Schriftsteller Erich Loest als Jugendlicher NSDAP-Mitglied gewesen war, hatte ich bereits vor geraumer Zeit herausgefunden. Aber ich wollte mich intensiv mit der Biographie und den Schriften der Betroffenen beschäftigen und persönlich mit ihnen sprechen, um zu verstehen, warum sie damals von der NSDAP als Mitglieder geführt wurden.
So kam es, daß Erich Loests NSDAP-Mitgliedschaft schon im Februar bekannt wurde, als sein Tagebuch erschien. Darin erwähnt er, daß ihm das Bundesarchiv aufgrund einer journalistischen Anfrage seine NSDAP-Mitgliedschaft mitgeteilt hatte. Loest kommentierte die Notiz im Tagebuch: “Mal sehen, ob und was der fündige Journalist daraus macht”.Als ich Loest im März in Leipzig besuchte, empfing er mich schmunzelnd mit den Worten:  ”Sie sind also der Bösewicht”. Es war der Beginn eines langen und freundlichen Gesprächs.

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It seems almost perverse to assume that the US, the nation with the most advanced cyberforce on earth, would not be able to infiltrate and bring down a web operation such as Wikileaks if it wanted to. Yet, the brief DDOS attacks the Wikileaks website has suffered since publishing the documents amount to nothing more than a slap on the wrist.

Among the embarrassment the release of hundreds of thousands of US diplomatic cables on Wikileaks has caused the US government, it is easy to overlook one rather useful consequence for White House diplomacy: America’s worst foes, Iran and North Korea, are made to look rather isolated with Arab states castigating Iran and China criticizing Pyongyang. Mind you: this information will not be read worldwide as  ”axis of evil” style White House propaganda, but as something much closer to the truth since, it is assumed, the US government didn’t want to let the world know about these classified documents. As a result of Wikileaks publishing the secret US cables, Iran and North Korea now look more isolated among their neighbours and even allies than ever.

Is this really an unintended consequence, or could the release of the documents be the result of US intelligence deliberately feeding Private Manning, Wikileak’s supposed source, a parcel of information with a few surprises hidden inside: Information that is supposed to look superficially embarrassing to the US and therefore genuine, but that actually does far more insidious damage to the reputation of America’s enemies?

You could almost call it Diplomacy 3.0.

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Über Etappenjournalismus

Wenn im Kulturjournalismus Meinung mehr zählt als Recherche, bleibt die Qualität auf der Strecke

Kulturjournalisten sind ein buntes Völkchen: Vom Kunstkritiker über den Interviewer und Blogger bis zum in diesem Ressort eher seltenen Reporter spiegeln sie die Vielfalt des Journalismus wider. Nur einen Typus findet man eher  selten: den hartnäckigen Rechercheur, der selber rausgeht und wochen-, gar monatelang an einer Kulturgeschichte recherchiert.

Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens gilt in der Kunstkritik traditionell die Meinung, das ästhetische Urteil, mehr als Fakten und Akten (wie Stefan Aust es zu nennen pflegt). Ausnahmen wie Stasi- oder Securitate-Akten – etwa  im Fall Oskar Pastior -  bestätigen die Regel. Aber auch solche Enthüllungen beruhen in den seltensten Fällen auf hausinternen Recherchen der Zeitungen, sondern werden von außen an sie herangetragen. Zweitens sitzen in den meisten durch Kostendruck zusammengeschrumpften Redaktionen nur noch wenige, chronisch überlastete Redakteure, die keine Zeit mehr für lange Recherchen haben und sich darauf konzentrieren, Ereignisse (Neuerscheinungen, Konzerte, Auftritte, “Debatten”) zu dokumentieren, kommentieren und einzuordnen.

So sieht die Welt da draußen aus: Journalist im "Raum der Neuigkeiten"

Keine Frage: solche Redakteure versehen eine wichtige und nützliche Aufgabe. Problematisch wird es, wenn sich die Etappenjournalisten mit denjenigen verwechseln, die nicht nur hinterm Schreibtisch sitzen und kluge Ideen haben, sondern, um mit Montaigne zu sprechen, immer ihre Stiefel tragen und bereit sind, draußen in der wilden weiten Welt Neues zu entdecken.

Nur so scheint erklärbar, warum ein gestandener Feuilletonist wie Lothar Müller von der Süddeutschen Zeitung schon mal Gerüchte mit Fakten verwechselt und jene im Nachhinein zu diesen erklärt. Am 31. Oktober erklärte Müller das im Konkurrenzblatt FAZ berichtete Treffen von Handke und  Karadzic lässig zu einer längst bekannten Tatsache aus dem Jahr 2008, und viele plapperten es nach. War es nicht mal die Aufgabe von Journalisten, Gerüchten nachzugehen,  die Betroffenen zu befragen und so Fakten von Fiktionen zu sondieren? Daß weder die Süddeutsche Zeitung noch irgendein anderes Blatt vor dem Vorabdruck der Biographie  das von Norbert Gstrein gestreute Gerücht auch nur wahrgenommen und über diese nicht ganz uninteressante Begegnung zwischen Serbenführer und Schriftsteller berichtet hat, scheint Müllers journalistisches Selbstbewußtsein nicht anzufechten. Continue Reading »

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Der stumme Diener

Den Sprachlosen zur Sprache verhelfen – Peter Handke tut das in vielen seiner Werke, ob es sich wie jüngst um seine toten slowenisch-stämmigen Verwandten in Immer noch Sturm handelt oder Anfang der 80er Jahre um die Kärntner Dorfbewohner, die er in seinem Theaterstück Über die Dörfer sprechen läßt. Den Stummen eine Stimme zu geben,  andere und damit sich selbst aus dem “Stummheitsdruck” zu befreien, ist nicht nur ein großherziges Unterfangen, sondern auch der Grundstein manch großen Werks der Literatur. Was aber, wenn es sich bei diesen Sprachlosen ausgerechnet um Suhrkamp-Lektoren handelt, die bekanntlich zu den sprachbegabtesten Lebewesen überhaupt gehören?

Suhrkamp-Lektor Fellinger (mit Bernhard-Büchern): Stummer Diener

Einige Rezensenten haben kritisiert, daß  Handkes Lektor Raimund Fellinger in der Handke-Biographie nicht zu Wort kommt. ”Der Mann also, der Handkes Werk bei Suhrkamp seit Jahrzehnten betreut und mit diesem bestens vertraut ist, hat in dieser Biografie keine Stimme”, klagt etwa Jochen Schimmang im Deutschlandfunk. Auch die FAZ kann sich – ungeachtet der breit dokumentierten Recherchierwut des Biographen, nicht vorstellen, “dass Herwig mit nur einem Suhrkamp-Mitarbeiter über den Autor gesprochen hat, geschweige denn mit Handkes Lektor Raimund Fellinger”. Aus der Tatsache, daß Fellinger nur als “ein Suhrkamp-Angestellter” in der Biographie auftaucht, haben manche den Schluß gezogen, ich hätte gar nicht mit dem Lektor gesprochen, der Handke 1999 auch nach Pale zum Treffen mit Karadzic begleitete und unter Vorzeigung seiner Wanderschuhe später im Verlag und vor Autoren mit diesem Besuch prahlte.

Allerdings werden im Buch nicht nur die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz sowie ein ehemaliger Mitarbeiter zitiert. Es wird auch ausführlich auf das Verhältnis von Siegfried Unseld und Handke eingegangen und ein langer, unbekannter Brief von 1981 zitiert, in dem Handke mit Unseld und seinen Mitarbeitern abrechnet und ankündigt, den Verlag für immer zu verlassen.

Über all dies hätte ich gerne mit Raimund Fellinger gesprochen. Er ist zwar nicht der einzige Lektor gewesen, der Handkes Werk betreut hat. In den 60er und 70er Jahren kümmerten sich andere um Handkes Texte im Residenz Verlag und bei Suhrkamp. In den darauf folgenden dreißig Jahren trennte sich Handke mehrmals von Fellinger, nur um schließlich doch wieder mit ihm zu arbeiten. Aber Fellinger ist sicher Handkes wichtigster Lektor, weshalb ich ihn mehrmals um ein Gespräch für die Biographie bat.

Während meiner mehrjährigen Recherchen für die Handke-Biographie sind wir uns immer mal wieder begegnet: sei es bei einer Uraufführung in Salzburg, sei es auf dem Kritikerempfang in der Unseld-Villa in Frankfurt. Doch Fellinger war zu keinem Gespräch zu bewegen. Ob er sich als langjähriger Lektor Thomas Bernhards in einem Interessenkonflikt sah, verlagsinternen Streitigkeiten und Zwiste mit Handke eine Rolle spielten oder ob er bereits selbst eine 600seitige Handke-Biographie in der Schublade und nichts zu verschenken hatte – was ihn zu seinem Biographie-Boykott bewegt hat, spielt letztendlich keine Rolle. Es dürfte nicht einmal sein “Eskort-Service” zu Karadzics Hauptquartier sein, dessentwegen ihn jüngst die  ZEIT als Verräter des aufklärerischen Verlagsprogramms scharf attackiert hat. (Warum erst jetzt und nicht schon 2008 in den Feuilletons darüber berichtet wird, wo doch angeblich alle längst von dem Besuch bei Karadzic wußten, ist eines der großen Rätsel des deutschen Literaturbetriebs).

Als ich 2009 im Österreichischen Literaturarchiv unter vielen anderen Dokumenten auch den Briefwechsel zwischen Handke und Fellinger fand und Fellinger noch einmal um ein Gespräch bat, wandte er sich lieber direkt an den Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek und beschwerte sich über meine Recherchen. Ich habe die Korrespondenz zwischen Lektor und Autor seitenlang exzerpiert, doch Fellinger verweigerte seine Zustimmung. War es die natürliche Bescheidenheit des Lektors, der fleißig und höflich im Hintergrund arbeitet als Diener “seiner” Autoren?

Nun ja, kein Mensch muss müssen, ein jeder hat das Recht zu schweigen. Allerdings sollten dann nicht andere dafür verantwortlich gemacht werden, daß im großen Chor seine Stimme fehlt. Ich hätte den Leserinnen und Lesern der Handke-Biographie gerne einen Einblick in diese Werkstattgespräche gegeben.

Doch der Diener blieb stumm.

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Drei Jahre hat Malte Herwig, Literaturwissenschafter und investigativer Journalist, für „Meister der Dämmerung“, seine Biografie über Peter Handke, recherchiert. Welche Überraschungen er erlebte und was er Unbekanntes fand, erzählt er im Interview mit den “Salzburger Nachrichten”. (Interview als pdf zum Download)

SN: Warum haben Sie sich dem Thema Peter Handke gewidmet?

Herwig: Seine Tagebücher, die ich vor drei Jahren als Erster im Original lesen konnte, hatten mich fasziniert. Aus den Tausenden eng beschriebenen Seiten sprach eine Leidenschaft, ja eine Besessenheit, die mich erschütterte. Wie radikal der Mann mit und in und für die Literatur lebt! Mir war klar: Du musst eine Biografie schreiben und dafür alle Quellen ausschöpfen: persönliche Gespräche, Tagebücher, Briefe – ja, sogar beschriebene Servietten und mit Worten beschnitzte Wanderstöcke.

SN: Fanden Sie Unbekanntes?

Herwig: Einen der wichtigsten Funde habe ich erst kurz vor Schluss ausgerechnet vor den Toren meiner Heimatstadt Hamburg gemacht: Dort fand ich durch Recherchen auf Standesämtern und in Telefonbüchern Handkes Halbbruder Heinz Schönemann. Handke hatte nie erwähnt, dass es den gibt. Dieser bescheidene und hilfreiche Mann bewahrte in seiner Scheune einen sensationellen Schatz auf: Briefe, die Handke über Jahrzehnte an den gemeinsamen Vater geschrieben hatte sowie Korrespondenz zwischen Handkes Mutter und seinem leiblichen Vater. Es war meine kürzeste Recherchereise – und eine der lohnendsten! Handkes Briefe an den Vater sind ein literaturhistorischer Schatz, der zum ersten Mal präsentiert wird. Continue Reading »

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Wichtiger als jedes Großfeuilleton ist für Handke die “Kleine Zeitung” in seiner Geburtsheimat Kärnten. Deren Kulturchefin Uschi Loigge hat mich über Serbien, Schnaps und Vertrauen befragt.  (Download als pdf)

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, eine Biographie über Peter Handke zu schreiben?

MALTE HERWIG: Im Dezember 2007 hatte ich das Privileg, als erster Handkes Tagebücher aus den Jahren 1975-1990 im Deutschen Literaturarchiv in Marbach einsehen zu können – noch bevor sie überhaupt katalogisiert waren. Ich hatte dieses faszinierende Rohmaterial vor mir, über 10.000 Seiten, habe drei Tage lang jeweils zehn Stunden wie in einem Rausch gelesen: Was für ein Leben, immer und überall hatte Handke in diese kleinen, abgegriffenen Notizbücher geschrieben. Es war diese Radikalität des Lebens im Schreiben, die mich fasziniert hat und dazu bewog, eine Biographie über ihn zu versuchen.

Wie viel Recherche steckt im „Meister der Dämmerung“? Gab es Themen, bei denen Sie sich – auch im Gespräch mit Handke – die Zähne ausgebissen haben?

HERWIG: Handke hat mich immer wieder – nicht ohne Hintersinn – gefragt: „Haben Sie immer noch nicht aufgegeben? Geht Ihnen das Geld nicht aus?“ Natürlich ist es nicht leicht, so ein Großprojekt als freier Journalist und Autor durchzuziehen. Andererseits war ich dadurch – auch Handke gegenüber – unabhängig und frei. Die Aufgabe des Biographen ist es, das Leben in seinen Höhen und Tiefen zu zeigen und den Verwandlungen zwischen Literatur und Leben nachzuspüren. Handke hat das respektiert und mir vertraut, ohne je eine Kontrolle auszuüben. Ich bin ein diplomatischer, aber als Journalist auch ein hartnäckiger Mensch und habe nicht lockergelassen. Er hat es mir auch nicht leicht gemacht. Dass Handke einen fast gleichaltrigen Halbbruder in Norddeutschland hat, fand ich durch Recherchen im Standesamt von Buxtehude heraus, wo sein leiblicher Vater verstorben war. Dieser Bruder lebte eine halbe Stunde von Hamburg entfernt und war im Besitz von dutzenden unbekannten Briefen, die Handke über Jahrzehnte an den gemeinsamen Vater geschrieben hatte. Es war meine kürzeste Dienstreise – und eine der lohnendsten . . . Continue Reading »

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‎”Ich kann Ihnen versichern: wenn George Bush stirbt, dann gehe ich nicht zum Begräbnis”

(Peter Handke im Gespräch mit Malte Herwig)

Ironie der Geschichte, heute erscheinen sie beide in Buchform: Die Autobiographie eines Ex-Präsidenten der USA, der in der “Morawischen Nacht” einmal als “Gringo Bush” auftaucht. Und Meister der Dämmerung, Malte Herwigs Handke-Biographie

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Dom Pérignon ist kein Agent aus einem John le Carré-Thriller, sondern eine Champagnermarke. Im Oktober habe ich in London ein nicht unamüsantes Gespräch mit Frederick Forsyth, dem Altmeister des Agententhrillers, geführt und dabei eine alte Wettschuld beglichen. Als wir uns vor vier Jahren das letzte Mal trafen, war kurz zuvor in London der russische Ex-Agent Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium vergiftet worden. Forsyth und ich wetteten, wer dafür verantwortlich war. Forsyth setzte auf den russischen Geheimdienst FSB, mir schien das zu offensichtlich.

Da ich damals für ein deutsches Nachrichtenmagazin aus Hamburg unterwegs war, bestimmte Forsyth großzügig eine Flasche “Dom Pérignon” als Einsatz. Wettschulden sind Ehrenschulden. Als ich Forsyth an unsere Wette erinnerte, rief er amüsiert: “SPIEGEL? It should have been a bottle of Doornkaat!”. Aber ich hatte bereits den  Champagner im Gepäck. Dann sprachen wir über seine Recherchen in der Hamburger Unterwelt, den neuesten Forsyth-Roman Cobra und die Vorliebe mancher Briten für seltsame Sexualpraktiken. Am 31. Oktober in der Welt am Sonntag

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