Süddeutsche Zeitung, 12.04.2002

Minima Marginalia

Ein Student in "Cap und Gown" sorgt sich um sein Briefpapier: Dokumente zum Aufenthalt Theodor W. Adornos in Oxford

Von 1934 bis 1937 war Theodor Wiesengrund-Adorno, wie er sich damals noch nannte, als "advanced student" am Merton College eingeschrieben, dem "ältesten und einem der exklusivsten von Oxford", wie er kurz nach seiner Ankunft dem Komponisten Ernst Krenek berichtete. An Walter Benjamin schrieb er bedeutungsvoll, dass er nun in idyllischer Atmosphäre den "höchst seltenen und schwierigen Oxford D.Phil." erwerben könne, der einer deutschen Habilitation vergleichbar sei. All das dürfte den in Deutschland bereits habilitierten Philosophen, dem die Nazis 1933 die Venia legendi entzogen hatten, jedoch kaum über seine Degradierung zum "junior member" der Universität hinweggetröstet haben. Immerhin bewilligte ihm das College schon bald ermäßigte Studiengebühren von zwei Guineas.

Zwar waren Adorno die "unbeschreibliche Ruhe" und die äußeren Arbeitsbedingungen überaus angenehm, weniger jedoch "das Leben eines mittelalterlichen Studenten in Cap und Gown, das zu führen ich gezwungen bin". Trotz seiner Neigung zu zeremoniösen Umgangsformen mag der spätere Vordenker der Achtundsechziger in den archaischen Kleidungsvorschriften der ältesten angelsächsischen Universität den Muff von tausend Jahren gewittert haben. Für den unfreiwillig ins Exil Getriebenen gab es kein richtiges Studentenleben im falschen Talar.

Das Leben in der elitären akademischen Hochburg bot dem großbürgerlich gesonnenen Emigranten allerdings auch gewisse Annehmlichkeiten. Vor allem die mit dem Wappen des College verzierten Briefkarten hatten es Adorno angetan. Wie ein im College-Archiv befindliches "suggestion book" aus den dreißiger Jahren belegt, bat der spätere Verfasser der Ästhetischen Theorie mehrmals nachdrücklich um neuerliche Versorgung mit dem edel gestalteten Büroposten. So konnte er die Unbilden des Studentendaseins im Exil wenigstens durch eine standesgemäße Form der Korrespondenz mildern, die er mit Mentoren wie Benjamin und Krenek zu führen hatte.

Dass die Briefpapierfrage über ästhetische Kategorien hinaus auf die Machtstrukturen kapitalistischer Verteilungskämpfe verwies, war dem Gesellschaftskritiker Adorno bald klar. So schleicht sich in die angelernte englische Höflichkeit seiner Marginalien mitunter der Duktus dialektischer Stilraffinesse ein: "Sir, es war ungemein freundlich von Ihnen, für Nachschub bei den Karten mit Wappen zu sorgen. Aber sie waren sofort verschwunden! Ist das ein Beweis ihrer Beliebtheit oder Zeichen eines allgemeinen Ressentiments gegen sie?"

Von Ressentiment konnte wohl nicht die Rede sein, allerdings von Spott, den der wählerische Einzelgänger mit solchen Verlautbarungen auf sich zog. So reimte man, seinen deutschen Akzent nachäffend: "Oh vere, oh vere, mein lieber Herr, are our leettle envelopes gone?" Adornos Einträge zeichnen sich im Vergleich dazu durch wohlerzogene Zurückhaltung aus. Während seine Kommilitonen im Kommandoton frische Handtücher fordern oder den Menüplan kritisieren, richtet der Emigrant den Blick bereits auf seine spätere Wirkungsstätte in den Vereinigten Staaten und bittet höflich um Bestellung des New Yorker.

MALTE HERWIG

GRAFIK: "Sir, it was awfully kind of you to arrange a new supply of the cards with the crest. But they have disappeared at once! Is it a proof or their popularity - or due to a general ressentiment against them? Th. Wiesengrund-Adorno" Warden & Fellows of Merton College (MCR J/JCR/2/1) / Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt/M.

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