Süddeutsche Zeitung, 23.02.2002

"Dass Hitler scheitern wird, davon bin ich in tiefster Seele überzeugt"

Dokumente zur Freundschaft zweier Exilanten: In Amerika ist der Briefwechsel zwischen Thomas Mann und dem Chirurgen Franz Colmers aufgetaucht

Von Malte Herwig

Als man sich im Oktober 1935 im Zürcher Exil traf, war dem Gast aus Deutschland der Ernst der Lage sofort anzumerken: Bleich sah er aus und brachte düstere Nachrichten aus der Heimat. Dort laste ein furchtbarer Druck auf den Juden, deren Abwürgung und Ausrottung die NS-Regierung zielstrebig und unter den Augen der Weltöffentlichkeit betreibe. Immer wieder komme es zu Selbstmorden und Schlaganfällen, die das Hitler-Regime aber vor dem Ausland zu verheimlichen wisse.

Die eindringliche Schilderung der Lage der Juden in Deutschland verfehlte ihre Wirkung auf den Zuhörer nicht: "Wann nimmt sich der Völkerbund dieses absurden Verbrechertums an?" notierte sich Thomas Mann bestürzt nach seinem Wiedersehen mit dem Chirurgen Franz Colmers, den er seit den frühen zwanziger Jahren kannte. Diese stillen Gräuel seien viel scheußlicher als Mussolinis offener Angriffskrieg in Afrika, doch der Völkerbund sei machtlos, da er nicht in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates eingreifen könne. Unter dem Eindruck von Colmers¸ Bericht räsonierte der einst so Unpolitische mit psychologischem Feingefühl über die Hilflosigkeit der internationalen Rechtsgemeinschaft angesichts des innenpolitischen Naziterrors: "Hier herrscht dieselbe Plumpheit wie in den Strafgesetzbüchern, die ihre höchsten Strafen auf Mord und Totschlag setzen, aber den Seelenmord, alle elend-feineren Arten des Verbrechens am Menschen nicht kennen, mit keinem Paragraphen erfassen".

Die Harvard University in Cambridge, Massachusetts, besitzt eine erlesene Sammlung wertvoller Manuskripte und Erstausgaben. Gut behütet und sorgfältig katalogisiert, warten hier Handschriften von Cervantes, Goethe, Lewis Carroll und vielen anderen auf interessierte Leser. Es gibt aber auch ein unscheinbares Universitätsarchiv im Keller, in dem die Geschäftsakten aus der Verwaltung aufbewahrt werden. Wer sich jemals als Spätgeborener an die Spur eines prominenten Künstlers geheftet und auf archivalische Entdeckungsreise begeben hat, der weiß, dass man schon ins Unterholz abseits der Literaturarchive und Manuskriptsammlungen kriechen muss, will man noch übersehene Dokumente aufspüren. So findet man im Keller von Harvard, zwischen etlichen Regalmetern Geschäftskorrespondenz versteckt, einen Brief Thomas Manns vom 12. April 1936 an den Präsidenten der Universität, in dem er sich für eben jenen Franz Colmers einsetzt, den er wenige Monate zuvor in Zürich getroffen hatte.

Wer ein solches Schicksalsdokument in der Hand hält, fragt sich natürlich: Hat Franz Colmers es geschafft? Die Suche nach seinen Nachfahren ergibt zunächst, dass einer seiner Enkel in Kanada lebt, und schließlich hat man tatsächlich den Sohn am Telefon, der seinen Lebensabend als pensionierter Arzt im amerikanischen Süden verbringt. Rudolf Colmers hat den bisher unbekannten Briefwechsel zwischen Thomas Mann und seinem Vater all die Jahre über wohl bewahrt. Die Korrespondenz beginnt im April 1936 und endet im Juni 1945, sie enthält zwei Briefe Colmers¸ und ein halbes Dutzend Briefe von Thomas Mann. Sie beleuchtet nicht nur die Verflechtung zweier Emigrantenschicksale und Manns politisches Engagement im Exil. Sie ist auch ein Beleg für das lebenslange Interesse des Schriftstellers an der Medizin und den Medizinern und zeigt beispielhaft, wie künstlich die vielberufene Trennung zwischen den "Zwei Kulturen" der Geistes- und Naturwissenschaften ist.

Das bunte Volk der Biberbauer

Franz Colmers¸ eigener Lebenslauf legt davon Zeugnis ab. Geboren 1875 in Charlottenburg als Kind jüdischer Eltern, verkehrte er als junger Mediziner in der literarischen Welt Berlins. So kam er mit Rudolf Steiner, dem Naturalisten Johannes Schlaf und dem Anarchisten John Henry Mackay zusammen. Um dieselbe Zeit, als sich der gleichaltrige Lübecker Bürgersohn Thomas Mann in der Schwabinger Boheme herumtrieb, tauchte auch Colmers in die "reizvolle Stimmung übermütigen Zigeunertums" ein, die er in Mackays Gesellschaft "Die Biberbauer" fand. Dort lernte er den Lyriker, Essayisten und Romancier Ludwig Jacobowski kennen, mit dem er bis zum frühen Tod des Dichters im Dezember 1900 befreundet war. Jacobowski, von dessen Werken unlängst eine Jubiläumsausgabe erschienen ist (Gesammelte Werke in einem Band, hrsg. v. Alexander Müller u. Michael M. Schardt, Igel-Verlag 2000), war seit 1898 Redakteur der naturalistischen Zeitschrift "Die Gesellschaft". Hier brachte Jacobowski unter anderem Thomas Manns Novelle "Luischen" heraus.

Als den kurzlebigen Biberbauern nach und nach die Luft ausging und es zu Unstimmigkeiten zwischen Jacobowski und Mackay kam, beschloss man im Mai 1900 die Gründung eines eigenen Klubs mit dem Namen "Die Kommenden". Franz Colmers war Gründungsmitglied und Schatzmeister des bald populären Vereins, in dem neben einer bunten Mischung bürgerlicher Intellektueller und Künstler auch Rudolf Steiner, Johannes Schlaf, Erich Mühsam, Stefan Zweig, der Sexualforscher Magnus Hirschfeld und der Kritiker Samuel Lublinski verkehrten. Wie Stefan Zweig sich erinnerte, kam hier "das Heterogenste zusammen, Dichter und Architekten, Snobs und Journalisten, junge Mädchen, die sich als Kunstgewerblerinnen oder Bildhauerinnen drapierten, russische Studenten und schneeblonde Skandinavierinnen". Einige Mitglieder gehörten zugleich dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus an. Auf den gut besuchten Veranstaltungen der "Kommenden" kamen mitunter bis zu 90 Teilnehmer zusammen, um Lesungen zu hören, die neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu diskutieren und nach Wegen zur "Überwindung der Gegensätze" ihrer Zeit zu suchen. Hier hatte auch Else Lasker-Schüler im Oktober 1900 eine ihrer ersten öffentlichen Lesungen.

Ein Arzt von Distinktion

In den folgenden Jahren spezialisierte sich Franz Colmers auf Traumatologie und Kriegschirurgie, war eine zeitlang Assistent des berühmten Krebsforschers Vinzenz Czerny in Heidelberg und nahm während des Russisch- Japanischen Krieges im Jahre 1905 an der Mission des deutschen Roten Kreuzes in die Mandschurei teil. Ziel dieser Expedition war es, den Kriegsparteien humanitäre Hilfe zu leisten und zugleich neue Erkenntnisse in der Feldchirurgie zu sammeln. In seinem Bericht weist der junge Feldarzt Colmers wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs auf die verheerende Wirkung der Handgranate hin, ein in dieser Form neues, "äußerst inhumanes Geschoß", dessen Verwendung in den Kriegen zivilisierter Völker durch internationale Vereinbarungen ausgeschlossen werden solle.

Die politische Bedeutung der deutschen Rotkreuz-Mission brachte es mit sich, dass der reiselustige und weltoffene Arzt während seines Rußland- Abenteuers außerdem Kontakte zum internationalen Adel knüpfen konnte. Die Großfürstin Maria Pawlowna hatte einen gutausgestatteten Sanitätszug gespendet, und in St. Petersburg war die Delegation gar von der russischen Kaiserin empfangen worden. Im Jahre 1912 arbeitete Colmers ein Jahr lang an verschiedenen Krankenhäusern in Sofia und diente der bulgarischen Königin Eleonora als medizinischer Berater.

Schon das musste den geheimen Medizinalrat zu einem geeigneten Gesprächspartner für Thomas Mann machen, der mit Ärzten und Naturwissenschaftlern am liebsten auf Augenhöhe verkehrte und gern mit Geheimräten, Nobelpreisträgern und Universitätsprofessoren kollegialen Umgang pflegte. Die erste Begegnung zwischen den beiden fand im Februar 1921 im Coburger Landkrankenhaus statt, dem Colmers seit 1909 als Direktor vorstand. Es war ein bisschen wie in Manns Fürstennovelle "Königliche Hoheit". Auf den Spuren seines alter ego Prinz Klaus Heinrich stattete der Dichterfürst im Doktorkittel der Klinik eine Visite ab und schaute bei zwei Kropf-Operationen zu, die ihm großen Eindruck machten.

Solche Medizinermimikry des Schriftstellers war kein Einzelfall. Auch bei einem Besuch in Zürich ließ Thomas Mann es sich nicht nehmen, mit Krullscher Verkleidungslust im weißen Mantel "als auswärtiger Arzt von Distinktion" die Poliklinik zu besuchen. Den Arzt zu spielen, war für ihn keine Hochstapelei, sondern eher ein produktives Rollenspiel im Dienst der Kunst. War nicht auch der Dichter, wie Novalis einmal gesagt hatte, ein "transscendentaler Arzt" und die Poesie ein Beitrag zur transzendentalen Gesundheit?

Wenn es um die wissenschaftliche Fundierung eines Werkes ging, bedurfte Manns "initiierte Ignoranz" jedenfalls der Exaktheiten. Das "passionierte Studium des Organischen", dem sich Hans Castorp im Zauberberg während seines Sanatoriumsaufenthaltes widmet, konnte unmöglich nur auf Bücherwissen und Hörensagen beruhen. Schließlich sollte der Roman zeigen, wie ein einfacher, junger Mensch durch "medizinisches Erleben" zum Vorgefühl einer neuen Humanität gelangt.

Außerdem konnte es natürlich nicht schaden, schon im Vorfeld der Veröffentlichung der Sanatoriumssatire möglichst viele Freunde im ärztlichen Lager zu gewinnen. So konnte Mann in seinem offenen Brief an die Deutsche Medizinische Wochenschrift immerhin auf das Lob eines "ganz großen Tieres´ unter den Medizinern" verweisen (ohne jemals zu verraten, wer das nun war). Er schloss den Brief mit der selbstbewussten Prophezeiung, es sei keine Frage der Würdigkeit, sondern nur eine solche vitaler Ausdauer, ob er sich mit siebzig oder achtzig Jahren den medizinischen Ehrendoktorhut in die Stirn drücken dürfe.

Dass es dazu nicht kam, lag weder an fehlender Vitalität noch mangelnder Würde, sondern an den politischen Querelen zwischen der Ostberliner Regierung und der Universität Jena, die den Dichter im Schillerjahr 1955 mit einem Dr. med. h.c. ehren wollte. Statt dessen verlieh man dem "treubesorgten Dichterarzt seines Volkes" schließlich doch einen philosophischen Ehrendoktor. Trotzdem hat sich die Ausdauer ausgezahlt: Zu seinem achtzigsten Geburtstag bekam Thomas Mann von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich den Dr. rer.nat. honoris causa verliehen.

Sie waren Nachbarn im Geiste, der literarisch begeisterte Chirurg Franz Colmers und der Schriftsteller Thomas Mann, der Medizin und Musik als die "Nachbarsphären meiner Kunstübung" bezeichnete und unter Ärzten und Musikern immer seine besten Leser und Gönner wähnte. "Unter meinen inneren Möglichkeiten war von jeher die der ärztlichen Existenz, wie unter den Ihren offenbar die des Schriftstellers", schrieb der notorische Neurastheniker 1919 an einen Berliner Nervenarzt. Ähnlich wohlwollend wird sich Thomas Mann in seinem Brief an Franz Colmers vom April 1941 äußern: "Vielen Dank auch noch für den chirurgischen Artikel! Sie führen die Feder gut. Daß Sie das Messer sogar noch besser führen, sollte man sich hier mehr zu Nutze machen".

Das freundschaftliche Verhältnis, das Mann und Colmers zur Zeit des "Zauberberg" gewonnen hatten, sollte sich unter dem Druck der politischen Ereignisse als Wink des Schicksals erweisen. Bereits 1922 war Hitler mit SA- Truppen in Coburg eingefallen und hatte einen "Deutschen Tag" veranstaltet. Seitdem kam es immer wieder zu Übergriffen auf Coburger Juden, so dass der zum Katholizismus konvertierte Colmers sich im Jahre 1924 gezwungen sah, seinen Posten als Klinikdirektor aufzugeben. Im folgenden Jahr, in dem der "Zauberberg" erschien, zog er nach München, um dort eine Privatpraxis zu eröffnen. Als man sich zwölf Jahre später in Zürich wiedersah, war der Chirurg entschlossen, Deutschland mit seiner Familie endgültig den Rücken zu kehren. Bagdad war eine Möglichkeit, vielleicht auch Südamerika oder die USA - irgendwohin, nur fort aus Deutschland.

Am 7. April 1936 wandte sich Colmers schriftlich an Thomas Mann mit der dringenden Bitte, ihm in den Vereinigten Staaten einige Empfehlungen zu geben. Mann, damals noch in Küsnacht lebend, hatte vor kurzem die Ehrendoktorwürde der Universität Harvard verliehen bekommen und er zögerte nicht lange, seine neugewonnenen Beziehungen für Colmers einzusetzen. Schon am 12. April 1936 schrieb er an James B. Conant, den damaligen Präsidenten der Harvard University und späteren Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik, und verwendete sich für den "verdienten Freund und Landsmann", der "infolge der sattsam bekannten deutschen Rassen-Prinzipien und -Gesetze" das Land verlassen müsse. Außerdem schrieb er noch an seinen Verleger Alfred A. Knopf, der, wie Mann Colmers versicherte, auch über allerlei Verbindungen verfüge und vielleicht nützlich sein könne.

Beides half allerdings nichts, so dass sich Thomas Mann zwei Jahre später, nun schon aus Princeton, abermals für Colmers einsetzte. Er hatte wieder einmal einen Ehrendoktorhut verliehen bekommen, diesmal von der Columbia University in New York, deren äußerst einflussreichen Präsidenten Nicholas Murray Butler Mann im Namen seines "old valued friend" Colmers um Hilfe bat. Er betonte in seinem Brief vom 30. Dezember 1938, dass er sich angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in den USA nur zögerlich für Landsleute verwende, aufgrund der "hervorragenden Qualitäten" seines Freundes aber von dieser Zurückhaltung gern eine Ausnahme mache.

Roosevelt statt Hindenburg

Wenige Jahre später hatte sich auch Franz Colmers eine neue Existenz aufgebaut und eine Privatpraxis in Manhattan eröffnet. In seinem Brief vom 10. Juni 1941 beglückwünschte ihn Thomas Mann zu diesem neuen Anfang in Amerika: "Auf dies Land sind wir angewiesen und werden es bleiben, denn Europa wie wird das aussehen, in jedem Fall". An der bevorstehenden Niederlage des Nationalsozialismus wollte Mann, obwohl zu diesem Zeitpunkt Frankreich besetzt war, England alleine stand und der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten noch nicht erfolgt war, dennoch keine Zweifel lassen und bekräftigte seinen Glauben, dass es auch politisch wieder aufwärts gehen müsse: "denn das (sic!) Hitler scheitern wird, davon bin ich wie Sie in tiefster Seele überzeugt".

Beim Kampf gegen Hitler kamen Thomas Mann seine exponierte Stellung und das enorme Ansehen zugute, das er in Amerika genoss. "Überhaupt hat man hierzulande Begriffe von mir, die weit über alles hinausgehen, was selbst Korrodi zugeben würde, und die mich oft etwas ängstigen. The greatest living man of letters´ ist das mindeste", schrieb Mann im Juni 1938 an Ferdinand Lion. Mehr noch: In der Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Columbia University hatte man ihn als "first citizen in the International Republic of Letters" bezeichnet. Es war ein langer Weg gewesen von der künstlerischen Sympathie mit dem Tode zum verantwortlichen Regieren, an dem sich Hans Castorp im "Zauberberg" versucht. In Amerika war der Schriftsteller Staatsbürger geworden.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde Thomas Mann zu einer Art "Wanderredner der Demokratie", wie er nicht ohne Selbstironie von sich behauptete. Als er im Januar 1941 Franz Colmers von seinen zahlreichen Aktivitäten berichtet, klingt er fast wie ein Spitzenpolitiker im Wahlkampf: Nachtfahrten von Vortrag zu Vortrag, Reisen mit dem Flugzeug und Besuche im Weißen Haus: "Man muß sich tummeln und darf keine Müdigkeit vorschützen, auch wenn sie garnicht vorgeschützt wäre". So wurde aus dem Märtyrertum des Exils auch wieder ein bisschen Repräsentativität, die ihm ja nach eigenem Urteil viel eher anstand.

Einer der Höhepunkte war Thomas Manns zweitägiger Aufenthalt im Weißen Haus als Gast von Franklin D. Roosevelt. Hier konnte er beim Cocktail-Empfang im Arbeitszimmer des Präsidenten mit der ganz großen Politik auf Tuchfühlung gehen: "Ermißt man die Macht u. Bedeutung, ist es sehr interessant an seiner Seite zu sitzen". Im Januar 1941 schrieb Mann an Colmers, Roosevelt sei das erste Staatsoberhaupt, zu dem er sich hingezogen fühle: "Selbst Hindenburg war mir nicht halb so lieb". Der Vergleich zwischen dem preußischen Feldmarschall und dem amerikanischen Präsidenten, dessen New Deal Thomas Mann im Josephsroman ein Denkmal setzte, muss seltsam wirken. Hätte es nicht auch Reichspräsident Friedrich Ebert getan, den er in der Weimarer Republik persönlich kennengelernt hatte? Was hier kleingeredet, aber nicht verleugnet wird, spricht Bände über die nie ganz vollzogene Wandlung vom Herzensmonarchisten zum Vernunftrepublikaner.

Immerhin hatte sich Mann zur Zeit des Ersten Weltkrieges und der "Betrachtungen eines Unpolitischen" noch eine Art Cäsarenstaat unter Führung Hindenburgs ("eine Eckart-Gestalt an monumentaler Treue und Sachlichkeit") vorstellen können. Bei der Reichspräsidentenwahl des Jahres 1925 war es aus der Sicht Manns mit der Sachlichkeit Hindenburgs nicht mehr weit her. Seine Aufstellung als Kandidat der konservativen Parteien sei eine schändliche Ausbeutung der romantischen Triebe des deutschen Volkes, Hindenburg ein "Recke der Vorzeit" und seine Kandidatur nichts als "Lindenbaum"- der Inbegriff romantischer Todessehnsucht. Auch dabei blieb es nicht. Als Hindenburg bei der Reichspräsidentenwahl im Frühjahr 1932 gegen Hitler kandidierte, setzte sich Mann öffentlich für die Wiederwahl des "Recken der Vorzeit" ein und handelte sich mit diesem abermaligen Meinungsumschwung höhnische Angriffe der Nazi- Presse ein.

An Roosevelt faszinierte ihn nicht zuletzt das Diktatorische im Demokraten. In einer Wahlkampfrede pries er den Präsidenten im Stil des Joseph- Romans als einen Mann, "klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben". Auch im Kampf gegen Hitler blieben Kunst und Politik ein Nebeneinander, und Mann äußerte bisweilen, dass er zur Zeit seines reaktionären Trotzes in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" doch wohl viel interessanter und der Platitüde ferner gewesen sei als in seinen demokratischen Wanderpredigten.

Ein Grandpa in Connecticut

Kunst, Krankheit und Politik, all das kam noch einmal zusammen und bündelte sich im Doktor Faustus, dem Werk, "das wie kein anderes an mir gezehrt und meine innersten Kräfte in Anspruch genommen hat". Die magischen Kräfte der Medizin bekam der "Zauberer" am eigenen Leib zu spüren, als er sich 1946 im Chicagoer Billings Hospital einer lebensrettenden Operation unterziehen musste. Die Ärzte hatten Lungenkrebs diagnostiziert, was man dem Patienten allerdings auf Anraten seiner Frau Katia verheimlichte. In der Entstehung des Doktor Faustus erinnert er sich dankbar an die geradezu metaphysische Wirkung der "magischen Spritze", die ihm von der Gattin des Operateurs, der "Vorsteherin aller Anästhesie, zauberische Mischerin Tiefschlaf bringender Fluiden", verabreicht wurde.

In einem letzten Brief der Korrespondenz erinnerte Franz Colmers im Sommer 1954 Thomas Mann daran, was dieser einst bei seinem Besuch in Coburg im Jahre 1921 ins Gästebuch der Familie geschrieben hatte: "Man ist Dichter nicht, indem man sich etwas ausdenkt, sondern man ist es, indem man sich aus den Dingen etwas macht". Erst nach der Lektüre der Entstehung des Doktor Faustus habe er, fügte Colmers hinzu, verstanden, wie wahr der Dichter diese Worte gemeint hatte.

Auf dem Operationstisch im Billings Hospital schloss sich ein Kreis für Thomas Mann, der ein Leben lang Zitat und Selbstzitat der selbständigen Erfindung vorgezogen hatte. Mit der gleichen Geschicklichkeit wie einst der fiktive Hofrat Behrens, dessen Operationskünste er im "Zauberberg" beschrieben hatte, verpassten ihm seine Ärzte nun selbst jenen Pneumothorax, durch den der erkrankte Lungenflügel vorübergehend stillgelegt wurde. Der Schriftsteller, der nicht nur als Dichterarzt, sondern auch als Patient Anerkennung suchte, ließ es geduldig über sich ergehen und wurde vom Chefarzt gelobt. Tagelang noch soll man, so notierte sich der Genesene zufrieden, in den medizinischen Kreisen von New York und Chicago über die "most elegant operation" gesprochen haben.

Während es Thomas Mann in die alte Welt zurückzog, entschloss sich Colmers, für immer in den Vereinigten Staaten zu bleiben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Stamford im Bundesstaat Connecticut, wo er, ganz wie es sich für einen amerikanischen Granddad gehört, aus einer großen Büchse Candies an seine Enkel verteilte und im Hinterhof des Hauses aus Forsythiensträuchen Pfeile und Bögen für die Kinder schnitzte. Dort starb er im Jahre 1960.

Der Verfasser arbeitet derzeit als Junior Research Fellow für German Literature and History of Science am Merton College der Universität Oxford.

GRAFIK: Geheimrat Prof. Dr. Franz Colmers (vorne sitzend) im Kreise seiner Mitarbeiter am Landkrankenhaus Coburg, zwischen 1919 und 1922 Foto: Privatbesitz

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