Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2005

Ach, wie flüchtig, ach, wie wichtig

Was wäre und wozu taugte eine Nationalbibliothek? Eine Tagung in Weimar fragt nach dem "deutschen Buch"

Zum Glück gibt es Japan. Über die Hälfte der Produktion deutscher Wissenschaftsverlage wird heute dorthin verkauft, und von sechshundert Exemplaren der Heidegger-Gesamtausgabe gingen allein dreihundertzwanzig nach Fernost. Doch ist das "Deutsche Buch", mit dem sich jetzt eine Konferenz im neu eröffneten Studienzentrum der Anna Amalia Bibliothek in Weimar beschäftigte, längst nicht mehr der Exportschlager, der es noch vor hundert Jahren war. Damals waren noch über fünfzig Prozent der deutschen Buchproduktion für den Weltmarkt bestimmt.

Als ideologische Konstruktion entstand das "Deutsche Buch" im Spannungsfeld der Debatten um nationale Identität und kulturelles Erbe während des neunzehnten Jahrhunderts. Friedrich Dieckmann entfernte in seinem Weimarer Vortrag die Verkrustungen der Rezeptionsgeschichte und eröffnete den unverstellten Blick auf die dichterische Vorlage, die Friedrich Schiller den deutschnationalen und völkischen Ideologen unversehens mit seinem Entwurf  über "Deutsche Größe" (1801) geliefert hatte. Schillers Appell - entstanden im Angesicht der politischen Niederlage im Krieg gegen Napoleon - an die sittliche und geistige Weltmission Deutschlands sei dezidiert unpolitisch und antiimperialistisch, eben eine "Verheißung geistiger Freiheit" gewesen, sagte Dieckmann.

Warum die Veranstalter gut daran taten, den verabsolutierenden Singular des "Deutschen Buches" in Anführungszeichen zu setzen, machte Justus Ulbricht in seinen Ausführungen über deutschnationale Verlagspolitik und völkische Buchideologie deutlich. Eine Stilgeschichte des programmatisch deutschen Buches stehe noch aus, glaubt Ulbricht, sie müsse in die Gegenwart der neuen Medien fortgeschrieben werden.

Ein Beispiel für die ideologische Bedeutung des "Deutschen Buches" im Dritten Reich gab Johannes Mangei, der den bibliophilen Aufwand erforschte, den die Weimarer zu Ehren von Joseph Goebbels betrieben. Zwischen 1934 und 1942 wurden dem Propagandaminister im Rahmen der "Woche des deutschen Buches" in Weimar aufwendig gestaltete Ehrengaben überreicht. Zum Beispiel Goethes "Mahomets Gesang", den Max Hecker als "das Hohelied des Führertums, entsprungen der begeisterten Seele eines Dichters, der selbst ein Führer gewesen ist", bezeichnet hatte. Hintergrund dieser Buchgeschenke war die von Goebbels propagierte Synthese von "Buch und Schwert", mit der Schillers Begriff der geistigen Vorherrschaft Deutschlands vollends ins Martialische gewendet werden sollte.

In der DDR hingegen spielte der Begriff des "Deutschen Buches" keine Rolle, wie der Zeithistoriker Siegfried Lokatis feststellte. An seine Stelle trat als identitätsstiftendes Mittel die "sozialistische Nationalliteratur", deren paradigmatische Inkarnation Lokatis in der achtbändigen "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" sah, die Ende der fünfziger Jahre von Walter Ulbricht in Auftrag gegeben worden war und die sowjetische Parteigeschichte als Leitwerk ablösen sollte.

Mit der Ambivalenz der "geheiligten Ware Buch" (Bertolt Brecht) beschäftigte sich der Mainzer Buchwissenschaftler Stephan Füssel in einem anregenden Vortrag über die Frankfurter und Leipziger Buchmessen und schlug so eine Brücke zwischen historischer Ideologiekritik und den praktischen Herausforderungen, die sich deutschen Bibliothekaren und Archivaren stellen.

Der besondere Nimbus des Geistigen, der bedrucktes Papier über seinen bloßen Materialwert erhebt, macht die Erschließung, Erhaltung und die finanzielle Sicherung des schriftlichen Erbes zu einer kulturellen Hoheitsaufgabe. Wie groß das latente Erregungspotential dieses Themas ist, hat gerade erst wieder die Debatte um die Buchentsorgungspläne der Mainzer Universitätsbibliothek gezeigt.

Jürgen Weber von der Anna Amalia Bibliothek warnte davor, die Digitalisierung der Buchbestände als Allheilmittel zu sehen, und wies darauf hin, daß sich durch technische Innovation unmerklich ein neuer "Kanon der kulturellen Bedeutsamkeit" herausbilde, der in Zukunft nur das als bewahrenswert erscheinen lasse, was digitalisierbar sei. Immer dringlicher aber stelle sich die Frage nach der Selektion von Information: Wer entscheidet, woran wir uns morgen erinnern werden? Und es stellt sich, daraus folgend, auch die praktische Frage, wer eigentlich was aufbewahren soll.

Deutschland hat weder eine Nationalbibliothek, welche die Bestandserhaltung zentral koordinieren könnte, noch gibt es hierzulande Großprojekte wie Gallica (Frankreich) oder American Heritage (Vereinigte Staaten). Kleinstaaterei mag das kulturelle Erbe bereichern, in Zeiten knapper Ressourcen aber könnte sie dessen Bewahrung gefährden. Michael Knoche, Direktor der Anna Amalia Bibliothek Weimar, schlägt daher eine nationale Strategie vor. Danach sollen die Staatsbibliotheken in Berlin und München und die Sonderbibliotheken sich die Arbeit teilen und zum Beispiel gemeinsam vor allem die Drucke nach 1850 - den zahlenmäßig größten Bestand - erhalten. Knoche forderte einen nationalen Fonds zur subsidiären finanziellen Unterstützung. Die Verwaltung eines solchen nationalen Bucherhaltungsprojektes müßte eine "Allianz zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts" übernehmen, ein Zusammenschluß bedeutender deutscher Archive und Bibliotheken. Eine zentrale Geschäftsstelle und professionelle Öffentlichkeitsarbeit könnten dann dafür sorgen, daß die Flüchtigkeit unseres kulturellen Erbes nicht erst durch eine Katastrophe wie den Weimarer Bibliotheksbrand ins Bewußtsein der Öffentlichkeit und der Kulturpolitik gelangt.

MALTE HERWIG

 

 

 

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