Süddeutsche Zeitung, 21.01.2004

Nase rümpfen, Zunge zeigen

Wer sich behaglich mitzuteilen weiß, den wird des Volkes Laune nicht erbittern: Im Physiker Albert Einstein steckte ein bissiger Gelegenheitsdichter

Alle Welt kennt das Foto, das berühmte: Die kugelrunden Kinderaugen weit aufgerissen, streckt Albert Einstein der Welt die Zunge raus. Es war der 14. März 1951, und das Drängen der Fotografen, doch bitte einmal nett zu lächeln, brachte wieder einmal das Kind im Kosmologen zutage. Aber kennt man auch das Gedicht zum Gesicht?

Von Gutem ist ein ernstes Wort

Wann man´s gebraucht am rechten Ort.

Hast du´s zu tun jedoch mit Toren

Ist jedes kluge Wort verloren.

In solchem Fall, wie Ihr entdeckt

Hab´ ich die Zung´ herausgestreckt.

Man kann es wohl nicht besser machen

Als blöde Leute auszulachen.

Umsonst ist´s nicht, dass die Natur

Uns schenkte eine Zung´ nicht nur.

Sondern dazu die Fähigkeit

Sie rauszustrecken ziemlich weit!

Albert Einstein

Entstanden ist das Verschen am 9. Dezember 1937, als Antwort auf den Brief einer Dame, die dem Rüpel mahnend reimte: "Mein Herr! Ich muß es offen sagen / Ich kann das Zungenstrecken nicht vertragen / Und konnte es nie ganz vergessen, / Daß Sie dazu sich einst vermessen. / In diesem Lande ist es Brauch / Fühlt man ein Schmerzen in dem Bauch / Dem Arzt man streckt die Zunge raus. / Sonst bleibt sie ruhig, nett und fein / Im Maul? Man muß stets artig sein". So weit, so gut. Auf einen Schelmen anderthalb, mag Einstein sich gedacht haben. Doch dem quellenkritischen Blick tun sich Abgründe auf: Hier rechtfertigt sich einer für eine Tat, die er erst vierzehn Jahre später begangen hat? Das Foto, daran besteht kein Zweifel, entstand 1951. Ein Fall von Relativität? Die Verkehrung von Ursache und Wirkung? Um der Aporie zu entgehen, bleibt uns nur die Vermutung, dass das auf Zelluloid gebannte Zungestrecken offensichtlich eine Wiederholungstat des pikaresken Physikers war.

Die Popularisierung seiner Relativitätstheorie hatte Einstein in der Öffentlichkeit schon in den zwanziger Jahren den Ruf eines Schamanen und Surrealisten der Mathematik eingebracht. Im Weltgenie steckte augenscheinlich ein Kind, dessen "schalkhaft tiefer Blick" (Klaus Mann) niemandem entgehen konnte. Der Kontrast zwischen dem unprätentiösen Menschen und seiner abgehobenen Theorie hätte größer nicht sein können, und so war es kein Wunder, dass Einstein zu einer Art Mythos wurde: "Von den revolutionären Geheimnissen dieser Vorgänge, deren Schauplatz und Werkstatt sein außerordentliches Gehirn ist, ist die Person Einsteins für mich umwittert", gestand Thomas Mann, als er 1939 vom Meister persönlich die Einstein-Medaille verliehen bekam.

Aber wir schweifen ab, nicht um das phänomenale Hirn geht es, sondern um die Zunge - des Dichters wichtigstes Organ. Was produzierte sie also im Falle Einstein? Mancher mag die Nase rümpfen ob der bisweilen schlichten Reimchen, die durch Apostrophen und Satzumstellungen unbekümmert auf metrischen Kurs gezwungen werden. Progressive Universalpoesie ist das nicht, aber universell: Gebrauchslyrik, Gelegenheitsdichtung, Verse für´s Poesiealbum, für Gästebücher und Postkarten. Selbst bei der Arbeit dichtete Einstein, und nicht selten findet sich in seinen Notizen zwischen dem Zahlendickicht mathematischer Kalkulationen ein Sonett. Illusionen über den Kunstwert seines Hobbys hatte er nicht: "Herrn Heines weises Dictum / Cacatum non est pictum. / Gilt leider auch für mich / O, es ist fürchterlich! "

Was er dichtete, ist so einfach und unprätentiös wie der Privatmensch Einstein, es diente der Entspannung, als kreatives Ventil und Mittel spöttischen Protests: "Man kann es wohl nicht besser machen / Als blöde Leute auszulachen". Da war er ein leidenschaftlicher Satiriker wie sein Lieblingsdichter Heine, dessen politisches Schicksal - Judentum und Exil - er teilte, ebenso wie das Engagement für nationaljüdische Ziele. Seine Verse erweisen ihn als zwar nicht immer stilsicheren, aber scharfzüngigen Polemiker, dem nichts heilig ist. Das galt auch für die Politik seiner jüdischen Mitstreiter, die er mit geradezu "göttlicher Bosheit" kritisieren konnte, wie Nietzsche sie an Heine schätzte. Als er sich durch Vorhaltungen eines Briefschreibers in seiner freien Meinungsäußerung eingeschränkt sah, dichtete er kurzerhand zurück: "Daß ich in Zukunft nichts mög´ sagen / Was Juden angsterfüllt beklagen, / Gründ´ ich, daß es zum Rechten seh´ / Ein Hosen-Scheisser-Comité. / Daß alles es beschnüffelt dann / Bevor es Unheil bringen kann. / Und Dich, oh Teurer, lad´ ich ein / Davon der Präsident zu sein".

Das Zungestrecken war da noch milde im Vergleich zu so manchem bissig-obszönen Reim, der eher an die Lyrik Brechts erinnern, dessen "Kunst ich aufrichtig verehre, am meisten von den mir bekannten, die heute Deutsch schreiben". An die Adresse allzu unterwürfiger Mitemigranten geht der anarchische Aphorismus: "Ach, wofür floht ihr so weite Strecken, / Ärsche gibt es auch zuhaus zum lecken". Auch mit antibürgerlichen Frivolitäten hielt Einstein sich nicht zurück und empfahl noch kurz vor seinem Tod einer Spezialistin für Atemtherapie das Motto: "Besser denn Huren oder Saufen / Sich bei mir gesund zu schnaufen". Das mathematische Genie war, wie sein ehemaliger Mitarbeiter Banesh Hoffmann schreibt, von Natur aus ein Rebell, der Konventionen als lästige Äußerlichkeiten verachtete und am liebsten in Schlabberklamotten herumlief.

Wenn es doch einmal in die Öffentlichkeit ging, durchkreuzte er mit spöttischer Gebrauchslyrik den repräsentativen Aufwand, wie in der Widmung auf einem Photo, das ihn mit Anzug und Stiefeln vor einem Kamin sitzend zeigt: "Hier sitz ich und streck meine Füße raus, und doch sieht man deutlich, es war nicht zuhaus". Bei solchen Gelegenheiten lag der Sinn im Unsinn, gebündelt in dem skurrilen, "Epitaph" überschriebenen Zweizeiler: "Was Arbeit und Schlankheit nur selten errafft / Das hab´ ich mit weiblichen Reizen geschafft". Da könnte es den alten Schelm mit Genugtuung erfüllen, dass viele, die mit seinen mathematischen Theorien wenig anfangen können, bei seinem Namen vor allem an eins denken: eine herausgestreckte, spitze Zunge.

MALTE HERWIG

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