Süddeutsche Zeitung, 03.01.2005

Aus dem Briefkasten eines Oberwirrkopfes

In Laurence Sterns "Tristram Shandy" wird gewitzelt, ein lediglich an "Tristram Shandy, Europe" adressierter Brief werde ihn erreichen. Wie der Romanfigur erging es Albert Einstein zwei Jahrhunderte später. Das belegen die Briefumschläge, die von seiner Nachlaßverwalterin Helen Dukas gefunden und vom Einstein-Archiv der Hebrew University in Jerusalem in einem "Kuriositäten-Ordner" archiviert wurden.

Kinder, Königinnen und Kollegen -- alle Welt schrieb freimütig an das Genie, aber nicht jeder kannte seine Adresse. So behalf man sich erfolgreich mit Minimalinformationen ("EINSTEIN U.S.A.") oder Drauflosraten ("Mr. Einstein, Wissenschaftler, irgendwo in den USA, ich glaube an einer Uni in den USA”). Ein Portugiese gewann 1930 gar eine Wette, als sein nur an "Monsieur le Professeur Albert Einstein" adressierter Brief in dessen Briefkasten gelangte.

Nicht selten wurde schon die Adresszeile als Ort der freien Meinungsäußerung über den Briefempfänger genutzt: Neben harmlosen Anreden wie "Professor Einstein, Indianerhäuptling" oder dem "Herrn Oberwirrkopf an der Universität Princeton" finden sich auch antisemitische Ausfälle aus Einsteins Berliner Zeit, die den jüdischen Physiker als "Seine Majestät Albert von Neubabelsberg" und "König Albert der Juden" beschimpften. Die Post kam trotzdem an.

Ob er nun als "Chief Engineer of the Universe" hofiert oder als "Master Tailor of Clothes for Vacuum Space" verulkt wurde, vor allem dokumentieren die kuriosen Kuverts eines: Die geradezu kultische Verehrung, die der bescheidene Einstein von einer ehrfürchtigen Welt erfuhr, die ihn als "Grand Savant", "The Big Wiseman of our Age" oder schlicht "Professor Relativity Einstein" titulierte.

MALTE HERWIG

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