Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005

Einer Familiengeschichte hören wir doch ganz anders zu

Thomas Mann und der Neandertaler: Ein Besuch im Field Museum of Natural History in Chicago / Von Malte Herwig

In seinem letzten Roman "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" läßt Thomas Mann seinen Helden einem Neandertaler tief in die unter wulstigen Brauen liegenden Augen schauen. Der Begegnung liegt ein Besuch des Schriftstellers im berühmten Field Museum of Natural History in Chicago zugrunde, der auch in den Tagebüchern des Nobelpreisträgers seine Spuren hinterließ. Der Literaturwissenschaftler Malte Herwig, unlängst mit einer im Verlag Vittorio Klostermann erschienenen Studie über Thomas Mann und die Naturwissenschaften (F.A.Z. vom 20. September) hervorgetreten, hat für uns das Field Museum besucht und dort die Nachbildung des Urmenschen, der Thomas Mann so nachhaltig faszinierte, schließlich in einer Abstellkammer ausfindig machen können. F.A.Z.

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Es war Liebe auf den ersten Blick. Am Abend des 4. Oktober 1951 notiert der sechsundsiebzigjährige Thomas Mann aufgewühlt in sein Tagebuch: „Bewegt. Etwas wie biologischer Rausch. Gefühl, daß dies alles meinem Schreiben und Lieben und Leiden, meiner Humanität zum Grunde liegt“. Der „Erreger“ war kein anmutiger Knabe im Matrosenanzug, kein hübscher Kellner oder Tennisspieler, sondern ein auf den ersten Blick durchaus unattraktiv wirkender Kerl: ein „Mann, plumpnackig, mit blutigem Knie, haarig nicht sehr“, wie es im Tagebuch heißt. Auge in Auge stand man sich gegenüber, und der Kontrast hätte nicht größer sein können: Hier der feine Herr mit der elfenbeinernen Stockkrücke, dort der schnauzbärtige Höhlenmensch, „die Arme zu lang für seine Statur, eine Hand am Geweih eines Hirsches, den er erschlagen und eben zur Höhle hereinschleppte“.

Ort der Begegnung war das Field Museum of Natural History in Chicago, das Thomas Mann im Oktober 1951 gleich zweimal in Begleitung seiner Tochter Elisabeth besuchte. Voller Begeisterung schrieb er in sein Tagebuch: „Unermüdet von diesem Schauen. Keine Kunstgalerie könnte mich so interessieren“. Dem Kollegen und Freund Hermann Hesse berichtete Mann wenig später: „Ich war völlig fasziniert, und eine eigentümliche Sympathie ist es, die einen bei diesen Gesichten erwärmt und bezaubert“. So eingenommen war er von den im Field Museum versammelten Zeugnissen frühen und frühesten Lebens, daß er sie wenig später ins fiktive Museum Professor Kuckucks verfrachtete und seinen Felix Krull dorthin auf Entdeckungsreise schickte.

Das Field Museum ist kein gewöhnlicher Musentempel. Die 1893 gegründete Sammlung von künstlerischen, archäologischen und naturwissenschaftlichen Objekten ist heute eines der größten und renommiertesten Naturkundemuseen der Welt. Unweit des weltberühmten Art Institute und der Spielstätte des ebenso bekannten Symphonieorchesters, dort, wo sich die Hochhäuser der Industriemetropole Chicago eng an das windige Gestade des Lake Michigan drängen [als ob sie sich aneinander wärmen wollten], steht der klassizistische Prachtbau, der das Museum beherbergt. Hinter der imposanten Fassade dieses Natur-Tempels kann der das Getümmel der Zivilisation fliehende Großstadtmensch eintauchen ins Leben der Urwelt und, umschwebt von Bildern aller Kreatur, jener gedenken, die vor ihm den Kampf ums Dasein aufgeben mußten. Da sind die furchterregenden Löwen von Tsavo zu sehen, und Dinosaurier stolzieren in beinerner Wildheit durch einen riesigen Saal. Auch die Ursprünge der menschlichen Zivilisation findet man hier in Exponaten zur Geschichte des alten Ägypten, der Ureinwohner Afrikas und Amerikas und den Kulturen des pazifischen Raumes.

Neben all diesen Attraktionen fällt die kleine Tür im fünften Stockwerkdes Museumskaum auf, hinter der sich die Weltliteratur versteckt. Wer diese Tür passiert, gelangt in ein Labyrinth von künstlich beleuchteten Gängen, die schließlich in einen mit Regalen zugestellten Archivkammer führen, und da steht er, eingeklemmt zwischen vollgestopften Aktenschränken, auf dem halben Quadratmeter herausgerissener Kunststoff-Scholle, die er noch sein eigen nennen darf, etwas abgewetzt und dabei kaum gealtert: Thomas Manns Neanderthaler. Als ich ihn während eines Forschungsaufenthaltes in Chicago entdeckte, war ich überrascht, wie genau er der Beschreibung im Krull entsprach. Eine Stegreif-Übersetzung der entsprechenden Romanpassage hatte genügt, um die Bibliothekarin des Field Museums auf die Spur des paläolithischen Pensionärs zu bringen, der seit Jahren in seinem nicht artgerechten Versteck vor sich hin dämmerte.

Denn nicht nur die Natur hatte Thomas Manns Neanderthaler „verdrossen fallengelassen“, wie es im Krull heißt, sondern auch das Museum: Nachdem er und seine urzeitliche Sippe jahrzehntelang Dienst in der ständigen Ausstellung über das Leben der Steinzeit versehen hatten, wurden die Figurengruppen in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts kurzerhand abgebaut und entsorgt. Die staubigen Dioramen schienen der modernen Museumsdidaktik nicht mehr zu entsprechen, und die selektiert nicht weniger erbarmungslos als die Natur selbst: Was dem Betrachter unzeitgemäß erscheint, landet schnell auf dem Müllhaufen der Naturgeschichte, um eventgerechten Megasauriern für die Jurassic-Park-Generation Platz zu machen.

Als man den Neanderthaler im Juli 1933 zusammen mit einem guten Dutzend Steinzeitgenossen der Weltöffentlichkeit präsentierte, wurden sie noch als Sensation gefeiert. Die detailgetreue Rekonstruktion der Urmenschen und ihrer Lebenswelt im Maßstab 1:1 basierte auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das Museum hatte weder Kosten noch Mühen gescheut und ein internationales Expertenteam mit der Gestaltung der Dioramen beauftragt. Kurator Henry Field war 1927 in Begleitung des Bildhauers Frederick Blaschke nach Europa gereist, um die prähistorischen Fundstätten vor Ort zu studieren, bevor letzterer sich an die Ausführung der Modelle machte.

Vier Jahre später wurden die lebensgroßen Nachbildungen unter abenteuerlichen Umständen von Blaschkes Studio in Hudson im Bundesstaat New York nach Chicago transportiert. Es war das Amerika der Prohibition, und Museumsdirektion wie Künstler befürchteten, daß die sorgsam in Holzkisten verpackte empfindliche Fracht unter den Händen neugieriger Zollbeamter Schaden nehmen könnte, weshalb man sich von der obersten Prohibitionsbehörde extra einen Passierschein für die urtümlichen Reisegäste ausstellen ließ.

Die als „Drama in acht Akten“ konzipierten Dioramenserie wurde im Rahmen der Weltausstellung 1933 eröffnet. Es war ein letzter Triumph dieser ganz auf die Überwältigung des Blickes (Durs Grünbein) ausgerichteten Form musealer Wissensvermittlung, die ihre große Zeit im 19. Jahrhundert hatte. Chefkurator Berthold Laufer gar nahm das Thema der Weltausstellung, „A Century of Progress“, zum Anlaß, im Ausstellungskatalog „250 Jahrtausende Fortschritt“ der Menschheitsgeschichte zu feiern und „sehnsuchtsvoll unsere Gedanken in Äonen zurückschweifen zu lassen, die früheren Generationen noch ein Buch mit sieben Siegeln waren“.

War es das, was Mann faszinierte – die Rückkehr zu den Quellen des Menschseins, eine humanistische Exkursion in die Naturgeschichte? Nicht umsonst kommt auch Felix Krull in Kuckucks Museum der Gedanke, daß die dort ausgestellten Urtiere „erste Ansätze, in keinem noch so absurden Fall einer gewissen Eigenwürde und Selbstzweckhaftigkeit entbehrende Vorversuche in der Richtung auf mich, will sagen: den Menschen waren“. Denn waren all diese Urtiere wirklich fremd? Hermann Bahr schrieb 1909 in der Neuen Rundschau, daß der Mensch in der Folge Darwins „auch ein Tier geworden“ sei und reiht ihn ganz im Sinne des Jugendstil in den „Reigen der Natur“ ein: Es gehe bei den Schriften von Darwin und Haeckel, von Bölsche, Meyer und Francé nicht mehr um Fragen der Gelehrsamkeit, sondern um die Menschheit selbst: „Früher war’s eine Naturgeschichte, jetzt ists unsere Familiengeschichte; da hören wir doch ganz anders zu“.

Es ist dieser monistische Mythos der Jahrhundertwende, mit dem Thomas Mann die Exponate in Professor Kuckucks Lissabonner Museum umgibt. Das „Panorama der Entwicklung“ (Dolf Sternberger), das dort inszeniert wird, suggeriert eine biologische Erfolgsgeschichte sondergleichen: die Entwicklung „vom Urtier zum Menschen“, ein beliebter Topos der volkstümlichen Naturkunde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Urtiere bot das Field Museum seinem Besucher Thomas Mann in Hülle und Fülle. Das Tagebuch vermerkt staunend nach dem ersten Besuch „Schwämme, die 50 Millionen Jahre überlebt haben“ sowie „frühestes organisches (Pflanzen-)Leben in der Meerestiefe“ und sinniert: „Dort fing alles an“. Doch dieser „höchst lebhafte und fruchtbare Eindruck“ des Ur-Lebens wäre unvollständig gewesen ohne Blaschkes Neanderthaler: „Herr Professor! Sie haben mir doch den Menschen versprochen. Wo ist er?“ drängt Krull seinen Mentor Kuckuck. Blaschkes Dioramen befanden sich im Kellergeschoß des Museums, und so steigen die beiden auch im Roman hinab zum Menschen, oder vielmehr „hinauf“, wie Felix geistvoll im Sinne des Monismus einschaltet. Der blinde Fortschrittsoptimismus, der aus dem Ausstellungskatalog des Field Museum von 1933 spricht, wird in Manns Parodie als evolutionärer Narzißmus entlarvt. Dort ist das Museum ist nicht nur Belehrungsstätte, sondern ein pantheistischer Tempel, in dem der hochentwickelte Mensch „dringlichen Auges und klopfenden Herzens das aus grauester Ferne auf mich Abzielende“ besichtigt und gleichzeitig rituell die eigene Vollkommenheit feiert. So werden ihm die Dioramen zur Ahnengalerie, und er erinnert sich beim Anblick der Steinzeitmenschen, „wie ich in eigener Frühzeit, aus Neugier nach den Ursprüngen meiner auffallenden Wohlschaffenheit, unter allerlei Vorfahrensbildnissen nach ersten Hinweisen auf mein Selbst mich forschend umsah“.

Dieselbe Neugier trieb Thomas Mann, als er am 5. Oktober 1951 ins Field Museum zurückkehrte, um noch einmal die Bilder „frühmenschlichen, z.T. noch kaum menschlichen Lebens“ zu betrachten, die Frederick Blaschke zwei Jahrzehnte zuvor geschaffen hatte. Mit der Wohlschaffenheit allerdings war es, glaubt man Manns Hochstapler, bei Blaschkes Neanderthalern nicht weit her: „Kurzhalsig, langarmig und wenig strack waren sie alle: die Leute am Feuer, der Knabe, der dem Ernährer und Beutebringer achtungsvoll entgegensah, und das Weib, das, ein Kind an der nährenden Brust, aus einer Hinterhöhle hervortrat“. Nur der sich um den Hals der Urmutter klammernde Säugling erschien Manns scharfem Blick „ganz wie ein Brustkind von heute, entschieden modern und fortgeschritten“. Tatsächlich hatte Blaschke das Kind neu modellieren müssen, nachdem Kurator Henry Field einen frühen Entwurf als „zu grotesk“ kritisiert und sich einen „heiteren Gesichtsausdruck“ gewünscht hatte.

Konnte der Humanist und Weltbürger in den grobschlächtigen Höhlenmenschen wirklich wie Felix Krull „das aus grauester Ferne auf mich Abzielende“ wähnen und sich im Tagebuch vergewissern, „daß dies alles meinem Schreiben und Lieben und Leiden, meiner Humanität zum Grunde liegt“? Sollte es ein paar plumpnackigen, behaarten Neanderthalern besser ergehen als all den distinguierten Vorbildern, den Holitschers, Hauptmanns und Adornos, die Mann gern in wenig schmeichelhafter Manier literarisch verwertete? Die „eigentümlich Sympathie“, von der Mann nach dem Museumsbesuch im Brief an Hermann Hesse berichtet, läßt keinen Zweifel: Seine Hinneigung zu den primitiven Urmenschen war Ausdruck einer „Sympathie mit dem Organischen“, die er schon in den 1920er Jahren an seinem Vorbild Goethe entdeckt hatte und seitdem als Mittel zur Überwindung des lebensfeindlichen Ästhetizismus selbst verfolgte.

Im Field Museum schließlich entdeckte der gealterte Künstler sich selbst inmitten der Naturgeschichte: „Nicht trennen“ kann sich Felix Krull „von den Neanderthalern, dann aber ebensowenig von dem Sonderling, der vor vielen Jahrhunderttausenden einsam in nackter Felsenhöhle kauerte und mit seltsamem Fleiß die Wände mit Bildern von Wisenten, Gazellen und anderem Jagdgetier, auch Jägern dazu, bedeckte. Seine Gesellen betrieben wohl draußen die Jagd in Wirklichkeit, er aber malte sie mit bunten Säften, und seine beschmierte Linke, mit der er sich bei der Arbeit gegen die Felswand stützte, hatte mehrfache Abdrücke zwischen den Bildern darauf zurückgelassen. Lange sah ich ihm zu und wollte trotzdem, als wir schon weiter waren, noch einmal zu dem fleißigen Sonderling zurückkehren“.

Offensichtlich konnte man sich, wie Mann es während des Ersten Weltkriegs getan hatte, schon zu Urzeiten auf den „Gedankendienst mit der Waffe“ herausreden, wenn andere auf die Jagd mußten. Auch sonst entsprach Blaschkes Urkünstler Manns artistischem Selbstverständnis: Einsam bei seiner „merkwürdig triebhaften Arbeit“, realistisch mit autobiographischem Einschlag (die Handabdrücke) das volle Leben nachzeichnend, und vor allem fleißig!

Der Grund für Krulls gerührte Anteilnahme am Schicksal der Urmenschen paßt denn auch weniger zu seiner selbstbewußten Weltsicht als zum problematischen Ich seines Autors. Es ist das melancholische Bewußtsein von der prekären Existenz des Menschen, an das Thomas Mann im Untergeschoß des Field Museums denken mußte: „die ängstliche Fremdheit und Hilflosigkeit der Beflaumten in einer fortgegebenen Welt“. Der Mensch ist zwar, wie Krull sinniert, vom Geiste geadelt und „aus feinerem Holze geschnitzt“, aber „weder mit Hörnern noch Hauern, mit Reißkiefern weder noch Knochenpanzern, noch eisernen Hackschnäbeln versehen“, ist er der in diesem Museum so eindrucksvoll präsenten Natur fast hilflos ausgeliefert. Sein Dilemma und seine Größe bestehen gerade in diesem sich-selbst-bewußt-Sein, das ihn schmerzlich von den Tieren trennt und leiden läßt, das aber gleichzeitig den entscheidenden Vorteil im Kampf ums Dasein bedeutet: Die geistigen Fähigkeiten des Menschen erlauben es ihm, Werkzeuge herzustellen, Feuer zu machen und sogar Kunst zu produzieren.

Das Faszinierende und Bewegende, das Thomas Mann im Field Museum empfand, rührte an ein Problem, das ihn seit dem Zauberberg beschäftigte: Die Frage nach dem „ewigen Rätsel“ des Menschseins, die nach Castorp und Leverkühn zuletzt Krull noch einmal zu ergründen versucht, wenn er, „auf leicht fiebrige Weise von dringlichem Schauen“ erhitzt, die Gestalten im Museum des Paläontologen Kuckuck betrachtet und sein Herz mit gütiger Allsympathie verschenkt. „Keinen Tag, seitdem ich wach bin, habe ich nicht an den Tod und an das Rätsel gedacht“, schrieb Mann 1930. Gegen Ende seines Lebens, nach Jahren des Exils, der politischen und persönlichen Katastrophen waren diese Gedanken nur um so präsenter, was es desto erstaunlicher macht, daß seinem unter Mühen und Selbstzweifeln zustande gekommenen letzten Roman nichts Grüblerisches oder Zweifelndes anhaftet.

„Das war der Rausch; und unbedenklich, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen“, schrieb Mann 1911 über den einem hübschen Jungen verfallenden Gustav von Aschenbach im Tod in Venedig. Vier Jahrzehnte nach Aschenbachs Tod holte den Autor im Keller eines amerikanischen Naturkundemuseums wieder „etwas wie biologischer Rausch“ ein. „Es ist sicher gut“, schrieb Mann im Tod in Venedig, „daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge, nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floß, würde sie oftmals verwirren, abschrecken und so die Wirkung des Vortrefflichen aufheben“.

Diese Befürchtung mag auch heute noch gelten, wenn angesichts der hübschen Kellner, sich einölenden Strandjungen und athletischen Sportler, von deren Reizen Manns Tagebücher ausgiebig berichten, sein Werk bisweilen allzu einseitig auf körperliche An- und Erregungen homosexueller Art bezogen wird. Manns Begeisterung über Blaschkes spektakuläre Steinzeit-Dioramen aber war mehr als ein dionysischer Altersreflex. Seit den Zwanziger Jahren, als er den Zauberberg schrieb, gehörten Biologie, Chemie, Physik, Astronomie und andere Wissenschaften zu den „diskreten Formen und Masken“ des Bildungsbürgers Mann, hinter denen er sich unter den Augen der Öffentlichkeit auf die Abwege begeben konnte, die ihm sein heimliches Innenleben wies.

Da ist in Essays und Vorträgen von „Biologie als Verliebtheit“ die Rede und einer kuriosen „Sympathie mit dem Organischen“. Mann studierte eifrig biologische, medizinische und physikalische Fachbücher und populärwissenschaftliche Werke und schickte seine Romanhelden auf naturwissenschaftliche Erkundungen. War es nach dieser jahrzehntelangen Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Antworten auf die „Welträtsel“ etwa ein Wunder, daß Manns Bildung im Keller des Field Museums „ins Wallen“ geriet wie einst diejenige Aschenbachs?

Blaschkes Neanderthaler waren trotz der wissenschaftlichen Sorgfalt, mit der sie konzipiert wurden, bald überholt. Die Entdeckung umfangreicherer Neanderthalerskelette etwa legte den Schluß nahe, daß die Knochenfunde, die als Vorlage für das Modell eines kleinen Knaben dienten, in Wirklichkeit die eines durch schwere Arthritis verformten Kindes waren. So versteckte man die teuren Modelle schließlich verschämt in den dunklen Winkeln des riesigen Museums, wo sie im Schatten eines Tyrannosaurus Rex oder Mastodons genügsam ihr Dasein fristeten.

„Laß dir’s nicht nahegehen! Gewiß, du bist verworfen worden und kassiert“, tröstet Felix Krull ein Fossil im Lissabonner Naturkundemuseum, „aber du siehst, wir haben dich nachgebildet und gedenken dein“. Blaschkes Neanderthaler leben weiter: in Professor Kuckucks Museum.
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