Süddeutsche Zeitung, 19.03.2003

Die längste Ideengeschichte

David M. Friedman beschäftigt sich mit dem Penis

In Kürze geht er in die zweite Runde, der Rechtsstreit um das wichtigste Organ der Springer-Presse, den Penis des Bild- Chefredakteurs Kai Diekmann. Dieser hatte die taz wegen einer Satire verklagt, in der erfundene Gerüchte über eine missglückte Verlängerung seines Glieds kolportiert worden waren. Anstatt gleich den Stab über seine Berliner Kollegen zu brechen, hätte Diekmann gut daran getan, zu David Friedmans jüngst auf englisch erschienener Kulturgeschichte des Penis zu greifen. Darin nämlich geht es um die heikle Beziehung zwischen dem Mann und seinem besten Stück, dessen rebellische Eigensinnigkeit Friedman für die folgenreiche "kulturelle Obsession" mit dem membrum virile verantwortlich macht. Die Leitfrage lautet: "Besitzt der Mann seinen Penis oder ist er von ihm besessen?"

Für den Autor ist der Penis zugleich mysteriös und "das ehrlichste Organ des Mannes", ein ambivalenter Amorspfeil, der sowohl Bewunderung als auch Hass, Verehrung wie Verachtung auf sich zieht. Friedman erzählt die Geschichte des männlichen Glieds als Ideengeschichte konkurrierender Einstellungen. Er entrollt ein historisches Penis-Panorama vom heiligen oder verteufelten Phallus der Antike über den anatomischen ("der Schaltknüppel"), den rassenbiologischen ("die Messlatte"), psychoanalytischen ("die Zigarre") und politischen ("der Rammbock") Penis bis zum pharmakologisch gedopten Glied der Gegenwart, das dank Viagra zum "pannensicherer Ballon" geworden sei.

In der Antike, als ägyptische Götter die Welt noch durch "heilige Masturbation" erschaffen durften, war der Penis Instrument und Symbol der Gottheit. Kallixeinos von Rhodos berichtet von einem dionysischen Fest in Alexandria, bei dem ein fünfzig Meter langer goldener Phallus durch die Straßen der Stadt getragen wurde. Trotz solch beeindruckender Penis-Paraden bevorzugten die Griechen laut Friedman im wirklichen Leben ein kleines Glied, wie es pubertierende Knaben besaßen. Den ersten Penisparadigmenwechsel setzt der Autor bei Augustinus an, der, eigene sündige Erfahrungen mit theologischem Scharfsinn verbindend, die Erektion als Ursache und Folge des Sündenfalls verstand. Augustinus´ zu Lebzeiten umstrittene Sichtweise sollte die Kirchendoktrin der nächsten tausend Jahre bestimmen - ein Siegeszug, den Friedman reißerisch als "medizinischen Marketingtriumph mit einem Schuss Proto- Freudianismus" hinstellt.

Urologischer Gottesbeweis

Erst in der Renaissance beginnt die heimliche Revolution gegen das Kirchendogma. Leonardo da Vinci füllt die Seiten seiner Notizbücher mit detaillierten anatomischen Zeichnungen des Penis und Andreas Vesalius setzt das Seziermesser an die Genitalien exekutierter Verbrecher an. Vielleicht ist es kein Zufall, dass um diese Zeit in der christlichen Malerei das Motiv des Penis Christi aufkommt - eines von Sünde gereinigten Organs, das auf Jesus´ Menschlichkeit verweisen sollte, wie die von Friedman zitierte Spezialforschung zu diesem Thema behauptet. Im Jahr 1668 verfasst der Holländer Regnier de Graaf das bis heute ausführlichste Traktat über den Penis, in dem er unter anderem die Erzeugung einer permanenten Erektion beschreibt - zum Leidwesen seiner Zeitgenossen allerdings nur bei einer Leiche und zu anatomischen Lehrzwecken. Wenig später verkündet sein Landsmann Antony van Leeuwenhoek der Londoner Royal Society die Entdeckung der Spermien, nicht ohne den Kollegen zu versichern, dass Mikroskopie nicht gleich Masturbation bedeute: "Ich habe diese Beobachtungen an dem Überschuss gemacht, mit dem mich die Natur in meinen ehelichen Pflichten versorgt hat".

Vorläufiger und vielleicht endgültiger Höhepunkt war zweifelsohne das Jahrhundert Freuds und des Feminismus. "Keine leichte Zeit, einen Penis zu besitzen", bemerkt Friedman etwas verdrießlich und belegt dies überzeugend in einem langen Kapitel über Kastrationsangst, bizarre Impotenztherapien und furchterregende Anti-Masturbations-Vorrichtungen. Friedmans Ausführungen über penisplastica totalis, die von dem russischen Arzt A. P. Frumkin entwickelte chirurgische Rekonstruktion des männlichen Gliedes, lassen die Leiden von Bohlens "kleinem Dieter" als vergleichsweise harmlos erscheinen. In den zwanziger Jahren entwickelte der französische Arzt Serge Voronoff eine Technik der Hodentransplantation, die impotenten Männern durch die Einpflanzung des Hodengewebes von Schimpansen neue Virilität versprach. Das Ergebnis dieser für Voronoff äußerst lukrativen Eingriffe war im günstigsten Falle eine auf Placebo-Effekt beruhende "Wiederherstellung" der Potenz des Patienten, welcher sich von nun an mit einem Affengemächt ausgerüstet wähnen konnte.

Beobachter der aktuellen Weltpolitik wird auch die Anekdote über den amerikanischen Präsidenten Lyndon Johnson interessieren, mit der Friedman die politische Symbolkraft des Penis illustriert. Als der Texaner in einem Hintergrundgespräch von Reportern mit der Frage bedrängt wurde, warum sich die USA immer noch militärisch in Vietnam engagierten, öffnete er kurzerhand den Reißverschluss seiner Hose und entgegnete der verblüfften Presseschar: "Deshalb!" Doch mit dem ungenierten Ausleben solcher Potenzfantasien war es spätestens in den sechziger Jahren vorbei: Der Feminismus nahm den Penis als Instrument politischer und sexueller Unterdrückung ins Visier. Ein Buch wie Kate Millets "Sexus und Herrschaft" zu lesen, schrieb damals der Rezensent der New York Times, sei, "als ob man mit den Hoden im Nussknacker sitzt".

Indem Friedman die politischen Aspekte des Geschlechterkampfes mit parallelen Entwicklungen in der Erektionsmedizin kontrastiert, erweckt er den Eindruck, dass im Rückblick nicht "schwanzgesteuerte Heteros" wie Norman Mailer die eigentlichen Gegner des Feminismus waren, sondern unscheinbare Urologen. Während die Frauenbewegung das Patriarchat in Frage stellte und den Penis politisierte, verhalf die "Erektionsindustrie" dem männlichen Glied einfach physisch zu neuer Potenz. Aus der Sicht von Erz-Machos wie Penthouse- Gründer Bob Guccione hat Viagra - das "urologische Äquivalent der Mondlandung" - den Feminismus erledigt. Friedman ist vorsichtiger mit seiner Wertung, konstatiert aber immerhin "eine revolutionäre Transformation der Männlichkeit" durch moderne Potenzmittel, deren Entwicklung er in einem faszinierenden Kapitel beschreibt. Ob die von der Erektionsindustrie geschaffenen harten Fakten eine wahre sexuelle Aufklärung zur Folge haben werden, diese Frage muss auch Friedman offen lassen.

MALTE HERWIG

DAVID M. FRIEDMAN: A Mind of Its Own. A Cultural History of the Penis. Robert Hale Verlag, London 2002. 368 Seiten, 20 britische Pfund.

 

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