Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005

Wanderprediger der Demokratie

Manfred Görtemaker unterschätzt Thomas Manns politischen Mut

19. Oktober 2005 Bücher und Töchter, das sind die Waffen des Dichters. Als im August 1940 die von der deutschen Wehrmacht entfesselte Schlacht um England tobte, warb Thomas Mann in Amerika für militärische Unterstützung der Briten: "Schickt ihnen destroyers!" schrieb er an seine amerikanische Gönnerin Agnes E. Meyer. "Ich gehe mit gutem Beispiel voran und schicke ihnen meine Tochter." Politik war bei den Manns während der NS-Zeit ein Familiengeschäft. Während die Tochter als Kriegsreporterin an vorderster Front kämpfte, sorgte der im Exil schreibende Vater dafür, daß sein Verleger Bermann-Fischer nach dem kommenden Sieg der Demokratie "mit 4 unbekannten Büchern von mir durchs Brandenburger Tor einziehen kann".

Thomas Mann, so lautet die gängige Meinung, ist als politischer Schriftsteller eigentlich nicht ernst zu nehmen. Der Autor der "Betrachtungen eines Unpolitischen" sei auch nach dem Ersten Weltkrieg im Grunde ein weltfremder Ästhetizist ohne wirkliches Interesse an gesellschaftlichen Problemen geblieben, in dessen raffiniertes Kunstspiel sich die Politik überhaupt nur unter dem Druck der Zeitläufte eingeschlichen habe. Für Golo Mann waren Thomas und Heinrich die "unwissenden Magier", schlecht informierte und wirklichkeitsferne Träumer ohne Talent zur Politik. Kurzum: Thomas Mann gilt als politischer Nichtschwimmer.

Mit seinem Buch stellt sich auch Manfred Görtemaker in die Reihe der Historiker, die Manns politisches Engagement vom Beckenrand der Geschichte aus beobachten und nur darauf zu warten scheinen, wie der Autor im tiefen Wasser der Wirklichkeit untergeht. Manns Auslassungen folgten keiner klaren politischen Konzeption, kritisiert Görtemaker, sondern liefen auf ein Spiel mit Worten hinaus, das zur Wirklichkeit nur in einem losen Verhältnis stehe: "Was sich in der Welt abspielte, interessierte ihn nicht wirklich. Die politischen Bemerkungen des Unpolitischen besaßen die Qualität gepflegter Vorurteile." Statt einer konsequenten Strategie sieht Görtemaker "Sprunghaftigkeit und Realitätsferne". Manns politische Äußerungen seien stimmungsabhängige Einfälle, die von der Emotion des Augenblicks lebten.

Indem er Mann als "Dichter der egozentrischen Subjektivität und des Zeitlos-Überindividuellen" abtut, setzt Görtemaker sich einen alten Hut auf. Derartige Anwürfe verfolgten Mann von früh an ebenso hartnäckig wie der Bannstrahl der Ironiekritik, der ihm nun, vom Ästhetischen ins Politische gewendet, auch politische Unzuverlässigkeit unterstellen will. Selbst in der engagiertesten Äußerung Manns sehen seine Kritiker nichts anderes als die Betrachtungen eines Unpolitischen. Mann sei, schrieb 1985 Joachim Fest, "der Betrachter, der noch im entschiedensten politischen Bekenntnis offenbarte, wie unpolitisch er war". Die moralische Eindeutigkeit von Manns Engagement gegen Hitler konnte sich Fest nur als "intellektuelle Selbstpreisgabe" erklären, der politische Kampf habe keinen Spielraum für ironische Zweideutigkeit und Zweifel gelassen.

Eins muß man diesen Kritikern zugestehen: Thomas Mann hat es ihnen mit seinen eigenen Äußerungen leichtgemacht. "Für politische Freiheit habe ich gar kein Interesse", gestand er 1904 dem Bruder, und noch 1939, mitten im Kampf gegen das Hitler-Regime, klagte der vielbeschäftigte Redner: "Nächstes Jahr werde ich mir Karten drucken lassen des Inhalts, daß ich ein Dichter bin und dichten muß. Ich glaube, ich tue besser, mich darauf zu konzentrieren, statt den Rest meiner Tage daranzusetzen, ins politische Danaidenfaß zu schöpfen." Auch Manns Kokettieren mit der eigenen Rolle als "Wanderprediger der Demokratie" zeugt von dieser Ambivalenz. Allerdings tut man gut daran, diese Aussagen nicht einfach fraglos zu übernehmen, sondern sich an die Aussagekraft seiner politischen Stellungnahmen und seines Werks zu halten.

Görtemaker weist zwar nach, daß Mann ein eigenwilliges Verständnis von politischen Begriffen wie "Demokratie" oder "Sozialismus" hatte und sich bei seinen Definitionsversuchen nicht selten in Widersprüchen verfing. Aber seine emphatische Kritik schießt weit über das Ziel hinaus. Er verengt Manns Kampf gegen Hitler auf rein persönliche Motive und kritisiert seine von der BBC zwischen 1940 und 1945 ausgestrahlten Rundfunkreden als wenig wirksame Propaganda. "Kein mutiger Gedanke, nicht einmal der Anflug davon", lautet das Fazit, mutig sei Mann "stets nur mit der Feder" gewesen.

Bei solcher Gesinnungskritik geht es weniger um die Frage, ob einer Politik getrieben hat, als darum, welche Politik. Man kann Thomas Mann als Opportunisten sehen, der sich nacheinander dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und den Vereinigten Staaten angedient hat - oder man erkennt in ihm einen, der sich als Gegengewicht verstand und immer ein Unbequemer war. Er trat für die deutsche Republik ein, als das wahrlich nicht selbstverständlich war, kritisierte den amerikanischen Antikommunismus und stieß seine deutschen Landsleute nach 1945 mit der Weigerung vor den Kopf, die Greuel des "Dritten Reichs" unter den Teppich zu kehren.

Wer sich von Manns polemischer Brillanz und Wohlinformiertheit über die Zustände im "dickwandigen Folterkeller" Europa überzeugen will, der höre sich seine BBC-Sendungen an oder lese in Martina Hoffschultes profunder Studie über "Thomas Manns Rundfunkreden im Werkkontext" (Telos Verlag 2003), wie wirkungsvoll der Autor mit den Mitteln der Sprache gegen die nationalsozialistische "Lügenpeitsche der Propaganda" anging. Schon im Februar 1942 führte er den Deutschen das Elend der "fürs Massengrab zusammengeschmissenen Körper der tausend und abertausend im Warschauer Ghetto an Typhus, Cholera und Schwindsucht verendeten Juden" drastisch vor Augen.

Und ist nicht die Politik wie Säure in Manns "Doktor Faustus" eingeätzt? Im Buchenwald-Abschnitt des Romans, in dem ein amerikanischer General die Bevölkerung von Weimar vor den Krematorien des Konzentrationslagers vorbeidefilieren läßt, sieht die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann "alle Elemente enthalten, die den Kern des deutschen Traumas berühren", und der Germanist Hans Vaget sprach unlängst vom "singulären Erkenntniswert", der Manns Werk hinsichtlich der Ursachen der deutschen Katastrophe zukomme. Thomas Mann gelinge, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler in "Der lange Weg nach Westen", die Freilegung "jener Tiefenschichten des deutschen Bewußtseins, die im Nationalsozialismus Gestalt angenommen hatten". Damit leiste Mann genau das, was ihm so oft abgesprochen wurde: einen Beitrag zur Überwindung des in der deutschen Geschichte notorischen Gegensatzes von Politik und Kultur. Manfred Görtemakers Buch steht nicht am Ende einer Debatte, sondern an ihrem Neubeginn.

Manfred Görtemaker: "Thomas Mann und die Politik". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 284 S., geb., 19,90 [Euro].

 

All Rights Reserved 2006. http://www.malteherwig.com Design by Ades Design