Süddeutsche Zeitung, 27.5.2005

Weinen in Weimar

Wie die Nazis die europäische Literatur gleichschalten wollten

"Ich habe die Absicht, mit diesen europäischen Schriftstellern noch einiges
zu unternehmen", notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch, nachdem im
Oktober 1941 unter Beteiligung von Deutschland und vierzehn anderen Staaten
in Weimar die Europäische Schriftsteller-Vereinigung (ESV) gegründet worden
war. Vorausgegangen war eine Deutschlandreise der ausländischen Dichter in
Begleitung ihrer deutschen Kollegen, die ihren Höhepunkt auf dem Weimarer
Dichtertreffen fand.

Die Reichskulturkammer wollte mit der ESV den von Goebbels als "Penn"- Club verhöhnten PEN-Club kaltstellen und sie als Instrument zur
Gleichschaltung der europäischen Literatur nutzen. Die Gründung war das
Resultat einer eigenständigen deutschen Europaideologie, die seit dem
Überfall auf die Sowjetunion zunehmend wichtiger für die Außenkulturpolitik
des Dritten Reichs wurde. Voller Befriedigung ließ sich Goebbels nach dem
Weimarer Treffen berichten, die dort versammelten Schriftsteller hätten
sich begeistert für die Ziele eines neu geordneten, sprich von Deutschland
geordneten Europas eingesetzt: "Die Franzosen haben sogar geweint".

Wer aber waren die Schriftsteller, die sich von den Nazis 1941 zur Gründung
dieser heute fast vergessenen Organisation in die Stadt Goethes und
Schillers einladen ließen? Welche Motive bewegten die Dichter besetzter und
neutraler Mächte, der Goebbelschen "Schwindelvereinigung" (Alexander M.
Frey) beizutreten? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gab es unter den
spanischen, französischen, ungarischen, rumänischen, kroatischen,
italienischen, belgischen, bulgarischen, skandinavischen und Schweizer
Delegierten dieses weit gespannten multinationalen Verbands?

In seiner Studie über die ESV ist der Freiburger Romanist Frank-Rutger
Hausmann jeder nur erdenklichen Quelle nachgegangen, hat Fotoalben,
Gästebücher, Abrechnungen und sogar Menü- und Visitenkarten akribisch
ausgewertet und damit eine archivalische Fleißarbeit geleistet, die auf
absehbare Zeit den Stand der Forschung zu diesem Thema darstellen dürfte.
Sein Buch ist eine Fundgrube verbandstechnischer und biografischer
Informationen, deren Dokumentationscharakter durch die auf einer
beigefügten CD-Rom faksimilierten Materialien unterstrichen wird. Ein
Kapitel über die Aktivitäten der einzelnen Landesgruppen vermittelt so
kenntnis- wie detailreich die europäische Dimension dieses ehrgeizigen
Projekts der NS-Kulturpolitik. Angesichts der Materialfülle hätte man sich
allerdings einen biografischen Anhang mit Kurzinformationen über die
erwähnten Schriftsteller und Funktionäre gewünscht.

Schriftsteller-Geldwäsche

Die ESV war als Propagandanetzwerk gedacht, das inmitten der Kriegsgreuel
den Eindruck wecken sollte, das Dritte Reich sei nach wie vor eine
humanistische, den Werten der Weimarer Klassik verpflichtete Kulturnation.
Der Mehrfrontenkrieg war nicht ohne willige Koalitionäre zu führen, weshalb
man in Berlin in diesem Fall auf Kooperation und Diplomatie setzte. Zur
Tarnung ersann die Reichskulturkammer ein System der "Geldwäsche":
Goebbels' Ministerium überwies bestimmte Summen an namhafte Schriftsteller
im Reich, welche diese dann sofort als Spenden an die ESV weiterleiteten,
so dass der Eindruck entstand, der Verband werde von freiwilligen
Zuwendungen finanziert.

Vor allem verlags- und buchpolitische Maßnahmen wie die Erteilung von
Druckgenehmigungen und Übersetzungsrechten, die über die ESV abgewickelt
wurden, schufen für ausländische Schriftsteller Anreize, ihr beizutreten
und so die Verbreitung der eigenen Werke auf einem zukünftigen, von
Deutschland dominierten, europäischen Markt zu sichern. Die verlogene
Anerkennung der literarischen Eigenständigkeit anderer Nationen sollte eine
weitgehende Gleichberechtigung in kulturellen Dingen suggerieren.

Mit Hans Carossa als Präsidenten und Carl Rothe als Generalsekretär der ESV
hatte man liberale Repräsentanten gewonnen, die sich der ehrenamtlichen
Vereinnahmung durch den NS-Kulturapparat nicht widersetzten und durch
gelegentliche parteikonforme Äußerungen den in sie gesetzten Erwartungen
entgegenkamen. Dass Carossa es sich durch seine Tätigkeit als Präsident
einer Ansammlung von "Quisling-Schreibern und literarischen
Kooperationsknechten" (Thomas Mann) mit den Vertretern der Exilliteratur
verdarb, überrascht wenig. Dagegen attestiert Hausmann Carossa und Rothe
"insgesamt ein untadeliges Verhalten und ein Eintreten für Liberalität und
Völkerfreundschaft, die in der damaligen Zeit ihresgleichen suchen".

Hans Carossa auf Botenfahrt

Die unterschiedliche Bewertung der Hauptbeteiligten spricht nicht nur Bände
über das gespannte Verhältnis von Exil und innerer Emigration. Hausmann
gewinnt dem Aktenberg auch eine differenzierte Sicht der politischen
Ambivalenzen ab, welche die Arbeit in einer zwar vom NS-Regime gelenkten,
aber durch ihre Internationalität nur bedingt kontrollierbaren Vereinigung
wie der ESV ausmachten. Den ideologisch unverbindlichen Text der
Stiftungsurkunde, meint der Autor, könne man auch heute noch akzeptieren,
das Dokument sei gerade deshalb bemerkenswert, weil es weder eine
Arierklausel noch antikommunistische, antialliierte oder antirussische
Einschränkungen der Mitgliedschaft enthalte. Der Briefwechsel Carossas und
Rothes mit ausländischen Schriftstellern, in dem sich "nie auch nur die
kleinste Andeutung für eine Zustimmung zum Regime" finde, widerlegt laut
Hausmann auch die These, die ESV sei eine intellektuelle "Fünfte Kolonne"
des Dritten Reiches gewesen.

Dass die als Propagandainstrument gedachte Schriftsteller-Vereinigung sich
tatsächlich ein gehöriges Maß an Freizügigkeit sichern konnte, lag auch an
der unterschiedlichen Kollaborationsbereitschaft der nationalen Verbände.
Obwohl die internationalen Gäste in Weimar auf die Phalanx deutscher und
vielfach nationalsozialistischer Dichter trafen und in jeder Hinsicht
hofiert wurden, nutzten fast alle Ausländer Freiräume: Kroaten, Flamen und
Spanier beriefen sich auf ihre katholische Tradition, Italiener und
Franzosen hielten dem spätnaturalistischen Blut-und-Boden-Realismus ihrer
deutschen Gastgeber das eigene humanistische Erbe entgegen, und Ungarn und
Schweizer beantragten zur Verblüffung der deutschen Mitglieder, dass auch
Juden aufgenommen werden sollten.

Die Kriegsumstände machten weitere Dichtertreffen ab 1943 unmöglich, obwohl
Carossa und Rothe weiterhin literarische "Botenfahrten" ins Ausland
unternahmen. Mit dem nahenden Niedergang des Dritten Reichs schwand auch
die internationale Attraktivität der ESV, die aus Hausmanns Sicht immerhin
zwei Jahre lang "das kräftigste und geschlossenste intellektuelle Potential
außerhalb Deutschlands" versammelte, das die NS-Propaganda an sich binden
konnte.

Als sie 1948 endgültig von der sowjetischen Militärverwaltung aufgelöst
wurde, hinterließ die ESV weder ein Vereinsvermögen noch ein literarisches
Erbe. Lediglich ein Fotoalbum der ersten Deutschlandfahrt im Oktober 1941
ist erhalten, das in zahlreichen Gruppenfotos die Stationen der Reise bis
hin zum feierlichen Höhepunkt in Weimar dokumentiert. Das letzte Bild des
Albums aber ist bezeichnenderweise menschenleer: Es zeigt, in weiter Ferne
und nur von Bäumen umgeben, Goethes Gartenhaus.

MALTE HERWIG

FRANK-RUTGER HAUSMANN: "Dichte, Dichter, tage nicht!" Die Europäische
Schriftsteller-Vereinigung in Weimar 1941-1948. Vittorio Klostermann,
Frankfurt 2004. 410 S., mit CD-Rom, 39 Euro.

 

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