Süddeutsche Zeitung, 19./20.02.2005

Erichs Trommel

Das war kein Experiment: Honecker im Gespräch

Wer mit dem Aufbau des Sozialismus beschäftig ist, dem lässt die große Politik kaum Zeit zum Musizieren. Bei Erich Honecker reichte sie laut eigener Auskunft nicht einmal zum Erlernen der Schalmei: „Das war noch komplizierter, so dass ich dann zur Trommel kam“. Tatsächlich gleichen die von Reinhold Andert und Ed Stuhler unter dem Titel „Wir sind überall“ zusammengestellten O-Töne des ehemaligen Staats- und Parteichefs der DDR eher einem drittklassigen Kurorchester als den FDJ-Fanfarenzügen und Bläserkapellen, die als Zwischenaktmusik in diese dokumentarische Collage eingefügt sind.

Mit monotoner Verlautbarungsstimme, abgehackt und in verschwurbeltem Beamtenduktus spricht Honecker über die sozialistische Wirtschaft, die Genossen, das Leben in Wandlitz, und ist dabei von der politischen Realität so weit entfernt wie von den Regeln der deutschen Grammatik. „Was also der Geheimdienst betrifft“, verkündet er mit unabweisbarer Logik, „so möchte ich sagen, dass es in keinem Land möglich ist, den Geheimdienst zu kontrollieren, sonst wär’ es kein Geheimdienst“. Ideologisches Beharren („Der Sozialismus war kein Experiment“) wechselt mit altersmilder Nachdenklichkeit („Im Nachhinein möchte ich sagen, hätte man vielleicht eine andere Entscheidung also getroffen haben“) und zwischendrin ein linguistischer Schluckauf wie die „Hick-Technik“, die der Westen den sozialistischen Staaten bewusst vorenthalten habe.

Wenn Honecker einmal gesteht: „Niemand von uns hatte Ahnung gehabt“, dann geht es nicht etwa um den Schießbefehl, sondern um weibliche Unterwäsche: In der DDR gab es „ lange Zeit für Damen keine Schlüpfer zu koofen“, erfahren wir aus seinem Mund, und was zur Beseitigung solcher textilwirtschaftlichen Missstände unternommen wurde. Bei all dem überrascht weniger der Altersstarrsinn des gestürzten Staatschefs als die katastrophale Ahnungslosigkeit und Unbeholfenheit, die aus seinen dürren Worten spricht. Was für ein Staat war das, in dem dieser Mann achtzehn Jahre lang den Ton angeben konnte?

Dieses Zwiespalts waren sich die Autoren offensichtlich bewusst, für die es auch „um ein wesentliches Stück unserer eigenen Biographien“ geht. Aus den Interviews, die der ostdeutsche Liedermacher und einstige FDJ-Kulturfunktionär Andert 1990 mit den flüchtigen Honeckers führte, haben die Autoren „die komischsten und wohl auch tragischsten Stellen“ herausgesucht und mit Aussagen von Zeitzeugen sowie Musiktiteln kommentiert. Das geschieht durchaus nicht unkritisch, etwa wenn Honeckers Gerede von einem „kulturvollen Übergang von einem Älteren auf einen Jüngeren“ die Aussage des Stasi-Generals Markus Wolf gegenübergestellt wird, Honecker habe Ulbricht mit Hilfe eines bewaffneten Personenschutzkommandos überfallartig entmachtet.

Meist aber entlarvt sich Honecker ohnehin selbst in den Aussagen, die Stuhler und Andert mit „sehr viel Spaß, aber ohne Häme“ zu einer Art realsozialistischer Karnevalssitzung mit Blasmusik-Tuschs zusammengestellt haben und auf dem Cover augenzwinkernd als Quellenmaterial „zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum ... Jahrestag“ präsentieren. Von Honecker aber erfahren wir schließlich, dass er einmal Udo Lindenberg begegnete und von diesem beschenkt wurde: „Zwei Sachen habe ich von Udo, eine Jacke habe ich von Udo und eine Gitarre“. Ein Rocker ist aus Erich dem Trommler trotzdem nicht mehr geworden, aber immerhin hat er jetzt seine eigene Platte.

MALTE HERWIG

Wir sind überall. Auskünfte Erich Honeckers. Eine dokumentarische Collage von Reinhold Andert und Ed Stuhler. BuschFunk, 2004, € 13,50
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