Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.7.2005

Furien zu Krähen

Ausschlafen in der Mythologie: Ein Roman von Panos Karnezis

Ein heruntergekommener Haufen griechischer Soldaten irrt durch die Wüste Kleinasiens. Der Krieg ist verloren, die Armee auf dem Rückmarsch und die Moral am Boden. Mühsam schleppt sich der Heerzug unter der gleißenden Sonne Anatoliens dahin, es kommt zu Streit und Aufbegehren, die Anführer suchen verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Labyrinth. Als die zerschlissene Truppe schließlich nach langen Entbehrungen auf einem Bergrücken ankommt, geschieht es: Ein Ruf geht durch die Menge, „Das Meer, das Meer!“, und mit einem Mal rennt das ganze Heer dem Strand entgegen. Die Odyssee der Kriegsheimkehrer hat ein Ende, sie haben die Küste des Schwarzen Meers und den Weg in die Heimat gefunden.

Es ist eine packende Geschichte von Niederlage und Rettung, Irrfahrt und Heimkehr, von der die „Anabasis“ des Xenophon berichtet, der als Heerführer selbst um 401 vor Christus am griechischen Rückzug aus Persien teilgenommen hatte. Auch der in London lebende griechische Autor Panos Karnezis hat sich ein historisches Vorbild für seinen Roman „Der Irrgarten“ gewählt. Er verlegt seine Anabasis in die Zeit des untergehenden Osmanischen Reichs und schildert das Schicksal einer versprengten griechischen Brigade, die im Sommer 1922 durch die anatolische Wüste irrt und das Meer sucht, bis sie schließlich auf eine vom Krieg verschonte griechische Siedlung stößt.

Geführt wird die Truppe von dem unfähigen General Nestor, der dem Morphium ebenso zugeneigt ist wie der antiken Mythologie und die Gewohnheit hat, sein müdes Haupt allnächtlich auf einer Geschichte der griechischen und römischen Mythologie zu betten. Der Autor, denkt man bisweilen, muß es wohl ebenso machen. Denn er nutzt jede Gelegenheit, seine mythologischen Kenntnisse durch bedeutungsvolle Anspielungen auszubreiten und seine Geschichte so in den Koordinaten einer griechischen Tragödie zu verorten.

Tiefe verleiht er dem Erzählten dadurch nicht, im Gegenteil: Vieles wirkt aufgesetzt in diesem Roman, schlecht konstruiert und ohne innere Notwendigkeit. Immer wieder wird zum Beispiel ein ominöses Massaker beschworen, das Nestors Truppe verübt haben soll. Ist das der Grund für das düstere Schicksal der umherirrenden Brigade? Man erfährt es nicht. Die schuldhafte Verstrickung der Handelnden wird nie plausibel gemacht und verläuft sich auch nach einer weiteren Katastrophe in dumpfen Gewissensqualen einzelner Figuren.

Die Furien, die Karnezis den umherirrenden Soldaten auf den Hals hetzt, gleichen ausgestopften Krähen. In jedem Soldatenzelt, Kirchenhaus oder Krämerladen wimmelt es derart bedeutungsvoll von Motten, Mücken und Ratten, daß man den literarischen Kammerjäger rufen will. Statt eine Tragödie zu erzählen, hat der Autor mit beiden Händen in den Kostümfundus orientalischer Dekadenz gegriffen und Xenophons „Rückkehr der Zehntausend“ zur Operette ausstaffiert.

Die Vorgänge in der griechischen Siedlung geben ihm Gelegenheit für einige hübsche Reisepassepartouts und orientalistische Vignetten zwischen Hamam und Harem. Auch eine französisch parlierende Puffmutter darf nicht fehlen, die mit dem Bürgermeister das Kamasutra durchprobiert, während sich die Dorfhonoratioren über die Vorzüge der Einsteinschen Relativitätstheorie auslassen. Madam Violetta hatte einst ihren Liebhaber mit einer Voltairebüste erschlagen und dann die Flucht aus Paris an die Levante angetreten.

Der Feldgeistliche hingegen, ein glühender Widersacher der Naturwissenschaft wie der Sünde, finanziert seine Mission, „Apostel aller Anatolier“ zu werden, mit Gelegenheitsdiebstählen. Er scheitert, denn sobald die Griechen gehen, beginnt der Untergang des Abendlands. Am Ende erweisen sich die Araber als zivilisationsunfähige Barbaren, die in einer wilden Orgie der Zerstörung die Bibliothek samt einer „unschätzbar wertvollen Gutenberg-Bibel“ verwüsten.

Der Autor will mit der Fabulierlust eines García Márquez aufwarten, doch sein Roman gleicht oft einem mit Klischees vollgestopften Sack. Duelle sind unweigerlich „blutig“, Geishas lehren „die Lust an der Poesie oder die Poesie der Lust“ und Paris ist das „Babylon der belle époque“.

Das ist um so enttäuschender, als dem Erzähler Karnezis das Episodenhafte und die Charakterzeichnung durchaus liegen, wie er mit seiner vielversprechenden Sammlung „Kleine Gemeinheiten“ bewiesen hat. Auch in „Der Irrgarten“ gibt es bisweilen Höhenflüge an Sprachwitz und Einfallsreichtum.

Aber die große epische Bühne des Romans ist kein Kammerspiel. Karnezis hat sie derart mit Requisiten überfrachtet, daß seine Figuren nur noch als Statisten auftreten können. Sie machen den Mund auf und zu, und manchmal sagen sie etwas Schönes oder Gescheites oder Witziges. Doch meist ähneln sie den Schneiderpuppen in einem Bild de Chiricos, wie sie so dastehen, bunt und beziehungslos in klassischer Kulisse.

MALTE HERWIG

Panos Karnezis: „Der Irrgarten. Roman“. Aus dem Englischen übersetzt von Sky Nonhoff. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 359 S., br., €14,50.

 

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