Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.2.2006

Zu Besuch bei den Widdern

Wortglaube: Mit Marta Kijowska durch Krakaus Literaturgeschichte

Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder. Versuchen Sie's mal hiermit: "przybyszewszczyzna". Mit dieser für ungeschmeidige deutsche Zungen geradezu unaussprechlichen Formel bezeichnet man in Polen das, was andernorts umständlich als düster-morbide Atmosphäre des Fin de siècle umschrieben wird. Das Konsonantenmonstrum geht auf den polnischen Dichter Stanislaw Przybyszewski zurück, der wie kein zweiter in seinen Werken die dämonisch-dekadenten Gemütszustände und den morbiden Zauber der Jahrhundertwende einfing.

Die spektakuläre Ankunft dieses literarischen Fürsten der Finsternis in Krakau 1898 ist der Ausgangspunkt für Marta Kijowskas Spaziergang durch die alte Königsstadt, aus deren verwinkelten Gassen, schummrigen Kellerkabaretten und bürgerlichen Dichterwohnungen seit über hundert Jahren ein einzigartiges literarisches Fluidum strömt, das Besucher wie Bewohner gleichermaßen umfängt. Nirgends, weiß die Autorin, lebt man so sehr von der Einbildungskraft und so wenig von der Realität wie in Krakau.

Auf ihrem literarischen Streifzug sehen wir den kokainsüchtigen Georg Trakl auf einem Bett im Krakauer Garnisonsspital delirieren und Alfred Döblin voller Faszination durch das alte Judenviertel Kazimierz streifen, wir begegnen alten Bekannten wie Czeslaw Milosz und Andrzej Szczypiorski, erleben, wie Wyslawa Szymborska mit ihrem Gedichtband "Rufe an Yeti" erste Erfolge feiert, und lauschen dem Krakauer Kardinal Wojtyla, der vor den Toren Krakaus auf freiem Felde die Weihnachtsmesse zelebriert.

Aber nicht das Wiedererkennen allein macht den Reiz dieses Buches aus, da ist auch das Unbekannte und Exotische, auf das die Autorin mit kundigem Wink unsere Blicke lenkt. Wir besichtigen das Haus, in dem die "berühmteste Hochzeit der polnischen Literatur gefeiert wurde" (in Stanislaw Wyspianskis Drama "Hochzeit" nämlich), und werfen einen Blick in den "Grünen Luftballon", das erste polnische Künstlerkabarett, dessen Ausstattung sich bis heute kaum verändert hat. Marta Kijowska stellt uns die Krakauer Formisten vor, die in den zwanziger Jahren durch spektakuläre öffentliche Aktionen die einheimische Bürgerschaft provozierten, und wir lernen die früh verstorbene Lyrikerin Halina Poswiatowska kennen, die ständigen Krankenhausaufenthalten und Therapien ein lebenshungriges und kompromißloses dichterisches Werk abtrotzte.

Kijowska berichtet vom Spielberg-Tourismus, der seit dem Film "Schindlers Liste" im alten Judenviertel Kazimierz floriert, und erzählt die ergreifende Geschichte von Tadeusz Pankiewicz' "arischer Apotheke", die zur Anlaufstelle für Hilfesuchende und zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des jüdischen Ghettos wird. Der Hoffnung auf die befreiende Macht der Literatur konnten auch die düstersten Kapitel der Krakauer Geschichte, die Judenverfolgung im Dritten Reich und die bleierne Zeit des Kommunismus, nichts anhaben, im Gegenteil. "Ich hatte den Glauben an das Wort verloren", schrieb der Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec einmal, "die Zensur gab ihn mir wieder." Das mag erklären, warum in dieser Stadt vom dichterischen Wort ein geradezu mystischer Reiz ausgeht, der im Vergleich zur abgeklärten Geschäftigkeit des westlichen Literaturbetriebs altmodisch erscheinen mag.

Es ist ein Zauber, dem sich auch die Krakau besuchende amerikanische Journalistin Martha Gellhorn nicht entziehen konnte, als sie eines Abends im berühmten "Keller zu den Widdern" einer Kabarettaufführung beiwohnte: "Ich verstand kein Wort", schrieb Gellhorn später, "und doch erschien mir alles ungewöhnlich, zauberhaft, witzig. Wie ein Wunder! Es war Winter, sie hatten schlechte Kleidung und kein Geld, doch sie waren so heiter, so lebhaft, so voller Humor."

MALTE HERWIG

Marta Kijowska: "Krakau". Spaziergang durch eine Dichterstadt. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 240 S., br., 15,- [Euro].

All Rights Reserved 2006. http://www.malteherwig.com Design by Ades Design