Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.9.2005

Warum sucht ihr mich hier?

Von Castelgandolfo nach Frankfurt: Wir treffen Hans Küng

Und als er schon fertig geredet hatte, siehe, da kam einer von den Zeitungen und trat zu ihm hin und sprach: Seien Sie gegrüßt, Professor. Der Stifter des Weltethos aber sprach zu ihm: Aus Frankfurt seid ihr? Seid ihr nicht ausgezogen gegen mich wie gegen einen Räuber mit Schwertern und Stangen, mich zu fangen? Habt ihr nicht nur auf der sechsten Spalte der sechsten Seite über mein Gipfeltreffen mit dem Papst berichtet und meine Werke durch
Gegenrede geschändet? Warum sucht ihr mich hier? Habe ich doch täglich in Tübingen gesessen und gelehrt, und ihr habt mich totgeschwiegen. Und also stellte er die Frage, und wir zitieren ihn wörtlich: "Für wen kommen Sie nun, lieber Freund?"


Aber die Frankfurter Paulskirche ist kein Garten Gethsemane, und olympischer Frieden sollte über allem schweben auf dem Internationalen Olympischen Forum Frankfurt, zu dem der Theologe Hans Küng nach seinem Papstbesuch auf Castelgandolfo geeilt war. In Frankfurt empfing der glückliche Gipfelstürmer nun auch "olympische Weihen", wie Michael Steinbrecher als Moderator fröhlich verkündete. Mit einem Entzug der sportlichen Lehrerlaubnis durch das
ZDF muß Küng also nicht rechnen, der jüngst mit einem Vortrag über "Weltethos und Weltsport" auf dem Evangelischen Kirchentag die universale Gültigkeit seines Projektes untermauert hatte.


"Schafft Olympia Frieden?" war das Thema des Abends und die Veranstaltung somit ein Heimspiel für Küng, der auch in der Weltmeisterschaft den Weltfrieden sucht. Der Sport zeige, daß Gegner nicht Feinde sein müssen. Nicht der Krieg ist der Vater aller Spiele, sondern Konkurrenz und kategorischer Imperativ regieren Aschenbahn und Arena, und natürlich das Fair Play. Aber ohne Regeln keine Freiheit: "Fußball ist frei, wenn die Regeln eingehalten
werden", sprach Küng, und da der Fußball nun einmal eine Metapher fürs ganze Leben ist, drängte sich die Frage geradezu auf, welchen Verlauf Küngs Auswärtsspiel bei Benedikt XVI. wohl genommen habe.


"Wer foulen will, dem muß von Anfang an gesagt werden, daß das nicht geht", lautet eine Grundregel von Küngs Sportethos, das er auf dem Kirchentag vorgestellt hatte. Dieses Zusammenlaufen hatte unter dem Motto "Kirche in Bewegung" gestanden. Seine Begegnung mit dem Papst sei jedenfalls ein sehr gutes Beispiel für Fair Play gewesen, bekennt der glückliche Sportsfreund auf Nachfrage: Man habe nämlich sofort Regeln für das Gespräch festgelegt! So
kam über den Sport Bewegung in die Kirche. Küng hat es auch außerordentlich geschätzt, daß der Papst im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf seine Bitte sofort eingegangen ist und ihm genügend Zeit gegeben habe. Das sei ja gar keine Audienz gewesen, sondern "wirklich ein Gespräch", vier Stunden lang, "auf hohem Niveau". Gewissermaßen eine Weltdenkmeisterschaft, so denken wir Frankfurter Feierabendkicker uns, mit doppelter Verlängerung und Elfmeterschießen. Dabei zeigte sich, glaubt man Küng, der ehemalige Kurienkardinal Ratzinger
besonders als Meister der Defensive: "Wie rasch er reagiert, also das war ideal und für mich auch ein intellektuelles Vergnügen. Das hat mir Freude gemacht." Dieses freundliche Echo hat Trapattoni in Stuttgart nicht.


Roma locuta, causa finita - das mag in Rom noch gelten. In Castelgandolfo ist man mit der Fifa den Weg der Selbstkritik mitgegangen, hier kam es nicht zum Golden Goal. Endete Küngs Gastspiel beim Torhüter der reinen Lehre gar mit einem Unentschieden? Über das Ergebnis erfährt man aus Küngs Mund nichts, nur das eine: Nach langen Jahren des Boykotts ist es jetzt wieder "wie früher", vor bald vierzig Jahren, da die beiden gemeinsam in der Tübinger Regionalliga spielten. Ein Freundschaftsspiel. Die "freundschaftliche Atmosphäre" habe der Papst ja ganz oben in das Kommuniqué gesetzt, und das dürfe man doch nicht einfach unterschlagen.

Vor kurzem ist ein neues Buch von ihm herausgekommen über Naturwissenschaft und Religion, "Der Anfang aller Dinge", wo es um Fragen geht wie: Warum gibt es etwas und nicht nichts? Was ist der Anfang von Welt und Mensch? Ist Willensfreiheit eine Illusion? Das Buch war auch in Castelgandolfo Thema: "Das hat dem Papst so gefallen, darüber haben wir sehr eingehend gesprochen."


Die Paulskirche leert sich bereits, da tritt eine südamerikanische Dame zu Küng und wirbt um seine Unterstützung für ein christliches Flamenco-Musical. Umstandslos wechselt er ins Spanische, aber für ein Musical hat er leider keine Zeit. Auch Küng kennt die wichtigste Grundregel des Fußballs: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

MALTE HERWIG

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