Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2005

Wir haben sie kommen sehen.

Ein visionärer Film, der dem spanischen Fernsehen mit gutem Grund zu realistisch erschien: "Der Marsch" von William Nicholson

Wir können nicht sagen, man habe uns nicht gewarnt. Die dramatischen Bilder der afrikanischen Flüchtlinge, die, aus dem armen Süden kommend, zu Tausenden die spanischen Exklaven in Marokko bestürmen und sich massenhaft gegen die Grenzen der dünn umzäunten Wohlstandsfestung Europa werfen, diese Bilder haben wir schon einmal gesehen.

Damals, vor fünfzehn Jahren, strahlte die ARD ein von der BBC produziertes Fernsehspiel mit dem Titel „Der Marsch” aus, das den Aufbruch Zehntausender verzweifelter Menschen aus einem sudanesischen Flüchtlingslager erzählt. Fünf lange Jahre, so die Erfindung, hat es in Äthiopien und Somalia, im Tschad und im Sudan nicht mehr geregnet, und die Hilfsmittel aus Europa und den Vereinigten Staaten sind im Filz der korrupten Regime ihrer afrikanischen Heimatländer verschwunden.

Bilder des Elends im Wohnzimmer

Angeführt von dem charismatischen Lehrer Isa El-Mahdi, zieht der Treck in Richtung Europa, um dem sicheren Hungertod zu entkommen. Auf dem Weg zur marokkanischen Küste schwillt das Heer der Hoffnungslosen auf Millionen von Menschen an. Nicht kriegerische Absicht treibt sie gen Norden, sondern Verzweiflung. Die Masse der Ohnmächtigen besitzt keine andere Macht mehr als die, vor unseren Augen zu sterben. Ihre Botschaft ist unmißverständlich: „Wir sind arm, weil ihr reich seid. Jetzt kommen wir zu euch, damit ihr uns sterben seht.” Seine Wirkung bezieht der Marsch der Hungernden vor allem daraus, daß er - quasi in einem Film im Film - schnell zu einem internationalen Medienereignis wird. Reporterteams schwärmen aus und liefern die Bilder des Elends direkt in die Wohnzimmer der Wohlstandsgesellschaft.

Was der britische Autor William Nicholson 1990 im Drehbuch zu „Der Marsch” als düstere, biblisch unterlegte „Was wäre wenn”-Vision beschwor, hat heute, nur fünfzehn Jahre später, beklemmende Aktualität gewonnen (siehe auch: William Nicholson über seinen Film „Der Marsch”). Nach Schätzungen des Innenministeriums in Rabat halten sich in Marokko mittlerweile rund 20.000 Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara auf, die nach Spanien fliehen wollen. Sie sind bereit, auf der Fahrt über das Mittelmeer ihr Leben zu riskieren, viele finden in ihren seeuntüchtigen Booten den Tod: „Wir haben keine Garnelen, sondern Leichen in den Netzen - das ist die Situation im Mittelmeer vor der libyschen Küste”, berichteten im vorigen Jahr italienische Fischer.

Dramatische Szenen

In Melilla sollen die Sperrzäune entlang der zehn Kilometer langen Grenze nun auf sechs Meter erhöht werden. Die marokkanische Regierung hat jüngsten Meldungen zufolge zahlreiche Flüchtlinge, denen der Durchbruch in die spanischen Exklaven nicht gelungen ist, in der Wüste an der Südostgrenze zu Algerien ausgesetzt. Ausländische Journalisten, die Zeugen der „Repatriierung” wurden, berichten von dramatischen Szenen: „Warum behandelt man uns wie Tiere?” sollen die Flüchtlinge gerufen haben.

Die Antwort gibt in „Der Marsch” der Anführer der Flüchtlinge, El-Mahdi, in Worten, die dem Zuschauer die Kehle zuschnüren. Den eilig nach Afrika entsandten Vermittlern der EU, die den Flüchtlingstreck zur Umkehr bewegen sollen, hält El-Mahdi entgegen: „Ihr habt in Europa so kleine Katzen. Es heißt, eine Katze kostet mehr als zweihundert Dollar pro Jahr. Laßt uns nach Europa kommen als eure Haustiere. Wir könnten Milch trinken, wir könnten eure Hand lecken. Wir könnten schnurren. Und wir sind viel billiger zu füttern.”

Die Angst vor dem Ansturm

In dem von David Wheatley produzierten Film ist es die Entwicklungskommissarin Claire Fitzgerald, die im Namen der EU den Flüchtlingen im Gegenzug für die Rückkehr in ihre Heimatländer millionenschwere Unterstützung verspricht. Doch El-Mahdi und seine Schicksalsgenossen gehen nicht auf das Angebot ein, und in Europa macht sich die Angst vor dem bevorstehenden Ansturm breit.

Als die Flüchtlinge am Ende des Films mit Tausenden von Booten nach Gibraltar übersetzen, werden sie an der spanischen Küste von Panzern empfangen. Im Widerstreit von humanitärer Hilfe und militärischer Härte sichert die Festung Europa ihren Burggraben mit Waffengewalt. „Wir sind noch nicht bereit für euch, vielleicht später, vielleicht eines Tages. Wir können es nur hoffen. Was für eine Welt würde es sonst sein?” So spricht Mrs. Fitzgerald zu dem „schwarzen Gandhi” aus dem Sudan, als Europa seine Grenzen endgültig verschließt.

Perfekte Machart, glanzvolle Dialoge

Die Vorgeschichte von „Der Marsch” wirft selbst ein Schlaglicht auf das Verhältnis Europas zur Flüchtlingsproblematik. Der Film entstand als Gemeinschaftsproduktion europäischer Sendeanstalten unter Federführung der BBC, allerdings gegen die Bedenken spanischer und italienischer Sender, denen die Idee einer „ökologischen Migration” von Afrikanern in ihre Länder zu nahe und realistisch schien. Er wurde im Mai 1990 als Höhepunkt der europäischen Medieninitiative „Eine Welt für alle” ausgestrahlt, von einem für heutige Verhältnisse ausführlichen Begleitprogramm flankiert und von der Kritik für seine perfekte Machart und die glanzvollen Dialoge gelobt.

William Nicholson, der schon früher zahlreiche Reportagen über Entwicklungsländer für die BBC gedreht hatte, ist mittlerweile als Drehbuchschreiber von Blockbustern wie „Gladiator” und „Shadowlands” und als Kinderbuchautor bekannt, dessen „Windsänger”-Trilogie auch in Deutschland gelesen wird. Ihr Thema ist die Gegenbewegung zum Ansturm auf Ceuta und Melilla. Die jüngste „Amazon”-Rezension eines Lesers aus Fellingshausen (Hessen, Deutschland) faßt die Handlung so zusammen: „In dem Buch geht es um Aramanth, eine Stadt, die zur Diktatur geworden ist, in Form von Leistung und der Abschaffung des ,Andersseins'. Die Menschen in dieser Stadt leben für und von Leistung. Wer Leistung erbringt, kann seiner Familie etwas bieten, wer das nicht kann oder nicht will, wird ausgegrenzt und muß in den untersten Bezirk der Stadt ziehen. Einmal im Jahr finden die Prüfungen statt, zu denen auch die Familie Hath erscheinen muß. Als ihre jüngste Tochter nicht besteht und somit keine Leistung erbringt, muß die Familie in einen niedrigeren Bezirk ziehen.” Wir sind gewarnt.

MALTE HERWIG

(siehe auch: Interview mit William Nicholson über den Film "Der Marsch")

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