Süddeutsche Zeitung, 11.10.2008

No Porno

Jede Gesellschaft hat die Universitäten, die sie verdient: Deutschland sollte sich ein Beispiel an sich selbst nehmen und sich auf die Ursprünge der modernen Lehre besinnen.

"Die Wissenschaft ist harte Arbeit", sagte mein Prof gerne, wenn er Vorträge in Deutschland hielt. Dann krempelte er die Hemdsärmel hoch, stemmte sich auf das Pult und ging in die Vollen. Der Mann konnte es sich leisten: Er hatte einen Lehrstuhl in Oxford, einen Sitz in der Britischen Akademie der Wissenschaften und dazu noch eine Goldmedaille der Goethe-Gesellschaft. Vor allem aber war er Engländer - und damit genoss er Narrenfreiheit im ernsten Land der Dichter und Denker.

Streng konnte auch er sein. Aber er nahm die Wissenschaft ernst, nicht sich selbst, und seine Seminare waren eine schwafelfreie Zone. Wo andere den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen, schlug er Schneisen durchs Dickicht der Forschung. Er konnte über die makellose Schlichtheit eines Naturgedichts von Goethe sprechen und - zweihundert Jahre Forschungsliteratur unterschlagend - uns das Gefühl geben, als sei es gestern entstanden. Er hat mit vielen zusammengearbeitet, aber von "Exzellenzclustern" und "Forschungsverbünden" hat er nie gesprochen. Er ging daheim jeden Tag zu Fuß zu seinem Oxforder College und hielt es mit Augustinus’ Motto "solvitur ambulando" - im Gehen findet sich die Lösung. Vier Jahrzehnte lehrte und forschte er mit großem Erfolg und kam dabei sogar ohne Sekretärin und Assistent aus!

Hochschulen sind ein Hindernisparcours

Wer heute im Hörsaal einer deutschen Universität Platz nimmt (wenn er einen bekommt), dem muss das alles wie ein Märchen aus der Kreidezeit erscheinen. So kann man heute, wird er erfahren, keine Wissenschaft betreiben und schon gar nicht bei uns. "Wissenschaft" - das hatte in Deutschland schon immer einen ganz besonderen Klang, und moderne Hochschulen sind ein Hindernisparcours von Akkreditierungsverfahren, Evaluationsorgien und Drittmittelrankings.

Nur die Härtesten kommen, durch jahrelange Berufungsverfahren und Zeitverträge gestählt, auf einen Lehrstuhl, pardon: Forschungsstuhl, um als Gremiengurus, Drittmittelabzocker oder Vielschreiber ihrer Hochschule ein möglichst gutes Abschneiden in der Exzellenzinitiative zu ermöglichen. Nicht pädagogische Eignung als Hochschullehrer gilt hierzulande als Erfolgskriterium einer akademischen Karriere, sondern der Publikationsausstoß und die Mittelbeschaffungsaffinität.

In Deutschland schwingt sich nur noch eine Minderheit der Professoren mit Lust und Laune hinters Katheder. Und wer kann es ihnen verdenken: Die beständig steigende Anzahl der Studierenden bei nahezu gleichbleibender Zahl an Lehrstühlen schafft brechend volle Hörsäle und miserable Betreuungsrelationen in den Fachbereichen. Inzwischen klagen sogar Professoren öffentlich über die "Verwahrlosung der Lehre". Die Rede ist von "Schweigekartellen", die Lehre sei das "letzte Tabu" der Universität.

Ein angesehener Historiker befürchtet gar, dass "die Hälfte unserer Studierenden praktisch nichts lernt". Selbst der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratergremium der Wissenschaftspolitik in Deutschland, warnt, dass die "Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems und mithin die Zukunft unserer Gesellschaft" auf dem Spiel stehe.

Eine "neue Lehr- und Lernkultur" müsse her, mahnen die Wissenschaftsmanager aus Köln und fordern nicht nur Milliarden-Investitionen für die Einstellung zusätzlicher Hochschullehrer, sondern auch einen Kulturwandel in den Universitäten, der einer Kulturrevolution gleichkommt: Ein "Klima wechselseitiger konstruktiver Kritik" sei vonnöten, Professoren sollten Erstsemester unterrichten, besser erreichbar sein und regelmäßig Feedback zu Studienleistungen geben. So stellt sich der Wissenschaftsrat die "moderne Version der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden" vor.

Das klingt zu schön, um wahr zu werden. Oder nicht?

Ein pädagogischer Porno

Mit der vielberufenen Einheit von Forschung und Lehre in Einsamkeit und Freiheit, die den Weltruf deutscher Universitäten im 19. Jahrhundert begründen half, ist es heute nicht mehr weit her: Wer viel forscht, ist ein Held. Wer viel lehrt, gilt als nützlicher Idiot. Aus dem pädagogischen Eros von einst ist längst ein pädagogischer Porno geworden: schnell, schmutzig und auf Dauer nicht richtig befriedigend.

Das alles wäre kein großes Problem, wenn es nur um die Befindlichkeiten einer kleinen Gruppe von Bildungsprivilegierten ginge, die der verlorenen Romantik des Studentenlebens nachtrauern und irgendwann sowieso in Papas Firma eintreten. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz soll die Zahl der Studierenden von heute rund zwei Millionen innerhalb der nächsten vier Jahre auf bis zu 2,7 Millionen ansteigen. Geht es da an, dass wir uns mehr über die Qualität der Tierhaltung in Legebatterien aufregen als über die Qualität der Ausbildung an unseren Massenuniversitäten?

Auch die OECD hat in ihrem aktuellen Bildungsbericht - wieder einmal - deutliche Defizite bei der Ausbildung von Hochqualifizierten in Deutschland ausgemacht: Im Land der Dichter und Denker liegt nicht nur der Anteil der Uni-Absolventen an der Gesamtbevölkerung unter dem OECD-Durchschnitt.

Anders als in den meisten OECD-Staaten sind die Bildungsausgaben in Deutschland nicht nur langsamer gewachsen als die öffentlichen Ausgaben insgesamt - im Verhältnis zum gestiegenen Bruttoinlandsprodukt investiert Deutschland sogar weniger in die Bildung als noch vor ein paar Jahren. Mit anderen Worten: Für eine Bildungsexpansion stehen hierzulande bislang weder die nötigen privaten noch öffentlichen Mittel zur Verfügung.

Jede Gesellschaft hat die Universitäten, die sie verdient, und die Eliten, die aus ihnen hervorgehen. Deutschland ist das Land der Ochsentouren und Zünfte. In der nivellierten Konsensgesellschaft zählt nicht Originalität, sondern die staatlich geprüfte Fachidiotie von Funktionseliten. Das Ergebnis: Staat und Verwaltung sind fest in der Hand von Juristen, und in deutschen Vorstandsetagen regiert oft das ganz kleine Karo.

Hinterlassenschaft schlecht erzogener Finanzflegel und Bilanzkrüppel

Wer die aktuelle Finanzkrise allein als Resultat ominöser Marktkräfte oder kapitalistischer Systemfehler abtut, macht es sich dementsprechend zu einfach. Der Bankenkollaps ist auch die ruinöse Hinterlassenschaft schlecht erzogener Finanzflegel und Bilanzkrüppel, deren gesellschaftlicher Verantwortungshorizont mit dem eigenen Bonus endet. Man kann die Unternehmen an einer Hand abzählen, in denen ein Mann (geschweige denn eine Frau) im Vorstand sitzt, der oder die über den engen Tellerrand der nächsten Jahresbilanz hinausschauen kann und sich ein paar eigene Gedanken über die sozialen und kulturellen Folgen des eigenen Handelns macht.

"Wissensgesellschaft" und "Ideenexport"

Es wäre gerade in diesen Wochen äußerst spannend, die Politik beim Wort zu nehmen und zu fragen: Was für Universitäten brauchen wir denn, um die von der Kanzlerin ausgerufene "Bildungsrepublik Deutschland" zu gründen? Und sagen wir es ruhig in der Sprache der Politiker, reden wir über "Standort", "Wissensgesellschaft" und "Ideenexport". Denn seit Wilhelm von Humboldt seine Vorstellung von der Einsamkeit und Freiheit der Wissenschaft propagierte, hat es im "Land der Ideen" keinen erfolgreicheren Exportschlager gegeben als die moderne deutsche Forschungsuniversität. Nicht umsonst wird noch heute an amerikanischen Spitzenuniversitäten das Konzept der Humboldtian research university hochgehalten, das im 19. Jahrhundert von Deutschland aus in die Welt exportiert wurde.

Das "deutsche Harvard", das unsere Bildungspolitiker mit dem Eifer von Gebetsmühlen herbeisehnen, ist also ein sehr weißer Schimmel. Die moderne Forschungsuniversität ist ein Kind der deutschen Romantik. Deutsch war diese romantische Universität nicht zuerst in irgendeinem nationalistischen Sinn, sondern indem sie sich - im Gegensatz etwa zu den französischen Grandes Écoles - Bildung als Selbstzweck und die Verwirklichung des freien Individuums auf die Fahnen schrieb.

Die Universität ist eine Denkschule, keine Examensmühle, so lautete das romantische Rezept für die Ausbildung der preußischen Verwaltungselite. Ein erstaunlich aktuelles Rezept, blickt man heute auf anglo-amerikanische Hochschulen. Dort nämlich absolvieren die meisten Studierenden erst einmal ein geisteswissenschaftliches Studium generale, bevor sie sich für Jurisprudenz oder Medizin einschreiben können oder direkt in die Wirtschaft gehen.

Staatsdiener und kompetente Beamte

Entsprechend hoch ist der Stellenwert der Lehre, und renommierte Universitäten wie Harvard haben schon vor Jahren durch besondere College Professorships einen zusätzlichen Distinktionsanreiz für hervorragende Universitätslehrer geschaffen.

So verkündete Schleiermacher 1808 in seinen "Gelegentlichen Gedanken über Universitäten in deutschem Sinne", dass auf der Universität "nicht das Gedächtnis angefüllt, auch nicht bloß der Verstand soll bereichert werden, sondern dass ein ganz neues Leben, dass ein höherer, der wahrhaft wissenschaftliche Geist" erregt werden solle. Auf den unmittelbaren Nutzen kam es nicht an, und niemand dachte im Ernst an ein "berufsqualifizierendes Studium". Trotzdem, glaubte Schleiermacher, würden gut ausgebildete Wissenschaftler auch gute Staatsdiener und kompetente Beamte abgeben.

Doch die Einübung in die Kunst des Denkens - eine später dann auch im Wirtschaftsleben oder im Staatsdienst nicht unnütze Fähigkeit - bedarf kundiger Anleitung. Entsprechend wichtig war den Gründern der neuen Universität die Lehre. Fichte, der erste Rektor der Berliner Universität, sah seine Anstalt gar als eine "Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs" und den Gelehrten als wissenschaftlichen Künstler. Im Examen sollte nicht allein Wissen abgefragt werden, sondern "ob und in wie weit der Lehrling jenes zu seinem Eigentume und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe".

Auch auf dem Arbeitsmarkt geht die Gleichung auf. Englische und amerikanische Unternehmen wissen, was sie an jungen Leuten haben, die ihren Kopf im Dialog mit engagierten Lehrern an altgriechischen Texten oder physikalischen Problemen geschult haben.

Geisteswissenschaftler in der Finanzwelt

Ein anspruchsvolles Philosophieseminar kann es in dieser Hinsicht mit einer Vorlesung über Maschinenbau oder Wirtschaftsinformatik durchaus aufnehmen, und wer die komplexe Struktur homerischer Epen verstanden hat, wird sich auch in den chinesischen Handelsmarkt einarbeiten können. Die Londoner Finanzwelt beschäftigt zahlreiche hochbezahlte Geistesarbeiter, die in Oxford oder Cambridge ihre Meisterprüfung in klassischer Philologie, Geschichte oder englischer Literatur bestanden haben.

Das führt zu der absurden Situation, dass ein Weltunternehmen wie BMW in seiner englischen Fabrik gerne Oxford-Absolventen aller Fachrichtungen beschäftigt, vergleichbaren Bewerbern in Deutschland aber die Tür weist, wenn sie nicht ein BWL-Zusatzstudium vorweisen können. Das habe, heißt es dazu aus der Konzernzentrale in München lau, eben mit der unterschiedlichen Tradition in Deutschland und England zu tun. Mit einem Wort: Den in England Ausgebildeten traut das Unternehmen selbständiges Lernen zu, den Absolventen einer deutschen Universität offensichtlich nicht.

Mit der Krise der alten Finanzwelt ist die Zeit gekommen, da die Erben Humboldts, Schleiermachers, Fichtes die Autobauer Lügen strafen könnten. Schon geht das böse Gerücht um, dass am Frankfurter Hauptbahnhof nicht nur gut ausgebildete Soziologen, sondern die ersten Account-Manager großer Banken am Taxistand auf Kunden warten.

Es wäre eine typisch deutsche Lösung: Gleichheit auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Aus England meldet derweil die BBC, dass der Andrang auf Lehrstellen um 34 Prozent gestiegen ist. Der Grund: Zahlreiche ehemalige Banker aus Londons City wollen in den Lehrberuf wechseln. Dass der Markt sich auf ausgerechnet diese Art und Weise selbst reguliert - man hatte es nie zu hoffen gewagt.

Uns Deutschen sollte das zu denken geben. Am 22.Oktober gibt es den Bildungsgipfel von Bund und Ländern in Dresden. Bildung, Forschung, Lehre - das war noch nie so wichtig wie in diesen unglaublichen Tagen und Stunden.

MALTE HERWIG

http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/542/313449/text/

All Rights Reserved 2008. http://www.maltemedia.net Design by Ades Design