Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.3.2006

Schwiegertommys guter Geist

Respekt: Inge und Walter Jens porträtieren Hedwig Pringsheim

Zweifellos, diese Familie ist ein Phänomen. Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Patriarchen Thomas strahlen die Manns am deutschen Buchhimmel heller denn je - eine günstige Konstellation im harten Verlagsgeschäft, dessen Alltag aus schnell verglühenden Sternschnuppen besteht. Den Leitstern Thomas Mann erkennt selbst der ungeübte Betrachter mit bloßem Auge ebenso wie seinen Bruder Heinrich. Auch Erika, Klaus und Golo Mann sieht man in klaren Nächten. Und dann gibt es jene, die sich ohne eigene Strahlkraft im milden Abglanz dieses Sternbilds sonnen und die uns kurzsichtigen Erdenbewohnern ohne die starken Teleskope der Literaturwissenschaft auf ewig verborgen blieben.

Einem solchen Sternchen am Mannschen Familienfirmament haben Inge und Walter Jens ihre Biographie über Hedwig Pringsheim gewidmet. Das Buch ist die logische Konsequenz aus dem großen Erfolg, den die beiden Autoren zu Recht mit ihrem vorzüglichen Band über Thomas Manns Frau Katia hatten. Schon die Titelwahl dieser Bände verrät das verlegerische Kalkül: "Frau Thomas Mann" rückte die zeitlebens im Schatten ihres Gatten stehende Katia ins Scheinwerferlicht, dessen Abglanz nun wiederum "Katias Mutter" zugute kommt. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis findige Verleger uns unter dem Titel "Pringsheims Papa" die Erfolgsstory des schlesischen Eisenbahnunternehmers und Schwiegergroßvaters von Thomas Mann präsentieren und noch die Mannschen Großonkel und -tanten zu Helden einer homerischen Home-Story machen.

Aus Biographien, die ihre Rechtfertigung vornehmlich von der prominenten Verwandtschaft ihrer Hauptfigur beziehen, strömt oft ein zarter Hauch von Kaffeeklatsch und Häuslichkeit. "Der Mannsche Haushalt", erklären Jens und Jens, "hätte ohne Hedwig Pringsheim kaum funktionieren können." Wir erfahren zudem, daß Katias Mutter durch die Anschaffung eines neuen Gas-Bügelofens ihre seit vierundzwanzig Jahren erprobte Plätterin Frau Dasch zum Bleiben zu bewegen versuchte. Alles Themen also, die auch in den Tagebüchern von Hedwig Pringsheims "Schwiegertommy" mit lähmender Ausführlichkeit behandelt werden. Mit den Domestiken immerhin konnte Katias Mama besser als ihr berühmter Schwiegersohn: "Dienstbotenprobleme, wie sie sich im Hause Mann fast monatlich, manchmal sogar noch häufiger einstellten", beruhigen uns die Jensens, "gab es im Hause von Hedwig Dohms Tochter höchst selten."

Nach kurzer Sturm-und-Drang-Zeit als Schauspielerin am Meininger Theater heiratete die Tochter des Schriftstellers Ernst Dohm und der Frauenrechtlerin Hedwig den steinreichen Privatdozenten der Mathematik Alfred Pringsheim und stieg in den Münchner Geld- und Gelehrtenadel auf. 1890 bezog die aufstrebende Familie ein eigens gebautes Palais in der Arcisstraße. Dort bildeten Politiker und Literaten, Musiker und Maler, Schauspieler und Bankiers "eine Zierde ihres berühmten Teetischs".

Aber, so fragt man sich angesichts der ganzen literarischen Vor- und Nachfahren bang, hat sie denn auch geschrieben? Ja, hat sie, und ihre größte Begabung war das Briefeschreiben. Die umfängliche Korrespondenz, die Hedwig Pringsheim mit Familienmitgliedern, aber auch mit literarischen Größen wie dem Publizisten Maximilian Harden führte und die Inge und Walter Jens in archivalischer Kleinarbeit zusammengetragen haben, beweist: Diese Frau hatte Humor und Esprit, scharfe Beobachtungsgabe und eine Neigung zum bissigen Witz.

Ob aber ihre "witzig-präzisen, je nach Stimmung und Weltlage elegisch-anrührenden oder süffisant-gegenläufigen Charakterisierungen von Menschen und Konstellationen nicht selten sogar die Schreibkünste ihres ,Schwiegertommy' in den Schatten" stellten, wie das Ehepaar Jens meint, das scheint dann doch fraglich. Man tut Hedwig Pringsheim unrecht, wenn man sie mit Thomas Mann vergleicht, und sei es in positiver Absicht. Denn die unterhaltsamen Briefe der Pringsheim, aus denen Inge und Walter Jens dankenswerterweise ausführlich zitieren, zeigen einen eigenständigen und direkten Menschen, dem nichts ferner liegt, als dem Schwiegersohn durch grüblerische Reflexionen über "Litteratur" und Ringen um den rechten Stil Konkurrenz im Metier zu machen.

Nein, Hedwig Pringsheim mußte es gegenüber ihrem Schwiegersohn nicht an Selbstbewußtsein mangeln, schon weil sie sich von seinen literarischen Erfolgen nicht allzusehr beeindrucken ließ: "Jemand hat gesagt, Thomas Mann scheine fruchtbarer in der Erzeugung von Kindern als von Büchern", kommentierte sie die Geburt der Enkeltochter Elisabeth, und man kann den unaufhaltsamen Aufstieg der Manns kaum treffender auf den Punkt bringen als die häusliche Hedwig in einem Brief: "Der Mann wird immer berühmter, und die Kinder werden immer größer."

Lange bevor der von ihr als "leberleidender Rittmeister" verspottete Thomas Mann um Katias Hand anhielt, führte die Familie Pringsheim ein bedeutendes Haus, und Hedwigs Briefe vermitteln einen Einblick in die faszinierende und exzentrische Welt dieser jüdisch-großbürgerlichen Existenz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Dank eines millionenschweren Erbes konnte sich Alfred Pringsheim unbeschwert seinen drei Leidenschaften, der Mathematik, den Frauen und der Musik, hingeben. Während der passionierte Wagner-Verehrer sich bemühte, den Zusammenhang zwischen Darwinismus und Wagnerianismus im "singenden Urmenschen" zu belegen, widmete sich die standesbewußte Mutter dem Sprachunterricht des zweijährigen Sohns Erik. Mit dem Ergebnis, daß dieser seinen Vater als "Pivat-Docent der Mathatiktak" bezeichnete, wie Hedwig amüsiert berichtet.

Hedwig Pringsheim war eine lebenslustige und selbstbewußte Frau, die sich auch im feinen München nicht ihre Berliner Schnauze verbieten ließ und selbst Schicksalsschläge mit stoischer Gelassenheit und bissigem Humor hinnahm. Als das von den Nationalsozialisten enteignete Münchner Haus der Pringsheims 1933 vor dem Abriß steht, schreibt Hedwig ihrer Tochter Katia einen letzten Brief aus dem einst prächtigen Palais, das nun "einem infernalischen Chaos gleicht, in dem kein Schwein auch nur eine Stunde noch grunzen möchte".

Mit der Vertreibung aus der Pringsheimschen Residenz begann der Leidensweg des jüdisch-großbürgerlichen Ehepaars. Um die "Reichsfluchtsteuer" aufzubringen, mußten die berühmte Majolikasammlung und zahlreiche Gemälde verkauft werden. Man lebte "von der Wand in den Mund", wie Hedwig es nannte. In letzter Minute gelang dem Ehepaar 1939 die Flucht in die Schweiz, wo die "Urgreise" mit dem verbliebenen "popligen Rest" der Bilder in einem Zürcher Altenheim ihre letzten Jahre verbrachten.

Man möchte diese Frau, deren Leben Inge und Walter Jens so unterhaltsam wie gründlich erzählen, aus dem Kreis der berühmten Familie herauslösen und für sich allein sehen, nicht von Katias oder Thomas' Gnaden. Für die Manns ist ohnehin gesorgt, ein Ende des beispiellosen Buch-, Film- und Event-Rummels um den "Zauberer" und seine "Jahrhundertfamilie" noch lange nicht in Sicht. Wer hier investiert, braucht sich um seine Ernte keine Sorgen zu machen wie einst Senator Buddenbrook. Wie würde Hanno heute sagen? Ich glaube... ich glaube... es kommt noch viel mehr...

MALTE HERWIG

Inge und Walter Jens: "Katias Mutter". Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005. 286 S., 19,90 [Euro].

   
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