Süddeutsche Zeitung, 2.7.2005

Ein Leben im Herrensattel

Die Geschichte der Renée Schwarzenbach-Wille

"Annemarie, der Hals zum köpfen!" Die Bildunterschrift, die Renée Schwarzenbach-Wille unter ein Foto Ihrer elfjährigen Tochter Annemarie gesetzt hat, spricht Bände. Der Verletzlichkeit des mit entblößtem Rücken abgelichteten, auf einer Treppe kauernden Kindes, steht die rücksichtslose Herrschsucht einer Mutter gegenüber, die ihre Kinder nach den Prinzipien der Pferdezüchtung erzog und in den Augen eines Bekannten einen "prachtvollen Reitoberst" im Dreißigjährigen Krieg abgegeben hätte. "Mama war schon eine miserable Mutter, als Großmutter ist sie noch verreckter", schrieb ihr Sohn Hasi Jahrzehnte später, und mit wenigen Abstrichen bestätigt sich sein Urteil auf jeder Seite der Familiengeschichte, die der Zürcher Historiker Alexis Schwarzenbach über seine Urgroßmutter geschrieben hat.

Die 1883 als Tochter des Schweizer Armeegenerals Ulrich Wille und der Deutschen Clara von Bismarck geborene Renée bestand auch nach ihrer Heirat mit dem sagenhaft reichen Seidenproduzenten Alfred Schwarzenbach auf ihrem Geburtsnamen, was ihr den Spitznamen "die Geborene" eintrug. Bald nach der Heirat kauften sich die Schwarzenbach-Willes das alte Gutshaus Bocken, und Renée machte das Gut zum feudalen Anziehungspunkt für die Reichen und Schönen, die dort "Schlagsahne mit großen Löffeln essen" und die Bockener Landwirtschaft bewundern durften. Neben dem deutschen Hochadel verkehrten Musiker wie Bruno Walter, Toscanini und Richard Strauss in Renées Salon, auf einem Foto sind "Herr und Frau Furtwängler beim Anblick der fröhlichen Schweinchen!" zu sehen.

Bösartige Bürgerei

Ferkel aber gab es auch in der guten Stube, denn die deutschnational eingestellte Hausherrin hegte schon in den zwanziger Jahren Sympathien für Hitlers Partei. Die Gästebücher, die Schwarzenbach ausgewertet hat, führen schon 1922 einen gewissen Rudolf Heß unter den Besuchern, der die Hausherrin neben seinen politischen Ansichten auch durch seitenlange Zitate aus Conrad Ferdinand Meyers Huttens letzte Tage beeindruckte, einem Renées Großvater François Wille gewidmeten Buch.

Tatsächlich hat Schwarzenbach in den Familienarchiven Anhaltspunkte dafür gefunden, dass sein Urgroßvater Alfred dem Spendensammler Hitler 1922 eine anonyme Barspende zukommen ließ. Dass Hitler in bürgerlich-industriellen Kreisen Unterstützer fand, ist nichts Außergewöhnliches, in der neutralen Schweiz jedoch musste es besonderen Anstoß erregen.

Renées Familie steckte möglicherweise auch hinter den Angriffen auf Erika Manns "Pfeffermühle" in Zürich. Ihr schlechtes Verhältnis zu deutschen Emigranten beruhte auf Gegenseitigkeit, wobei im Fall Erika und Klaus Manns, die eng mit Renées Tochter Annemarie befreundet waren, persönliche Eifersucht hinzukam. Im Hause Mann spielte, im Gegensatz zu Bocken, Literatur eine große und Reiten keine Rolle. Hier fühlte sich die Schriftstellerin Annemarie wohl, unterstützte die von Klaus Mann herausgegebene "Sammlung" finanziell und umschwärmte Erika als "meinen großen Bruder Eri, den ich sehr liebe". Renée intrigierte daraufhin derart brutal gegen das "kommunistische Flüchtlingsgesindel", dass selbst der großbürgerlichen Attitüden nicht abgeneigte Thomas Mann der Meinung war, diese "entartete und bösartige Bürgerei" könne einen von der Zukunft des Kommunismus überzeugen.

Verdeckte Narben

Die prodeutsche Haltung der Willes war manchen Eidgenossen schon im Ersten Weltkrieg verdächtig, als General Ulrich Wille, von 1914 bis 1918 Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, eine am preußischen Militär orientierte Armeereform propagierte. Das ambivalente Verhältnis der Familie zum Drittem Reich machte Niklaus Meienbergs aufsehenerregende Biographie "Die Welt als Wille und Wahn" 1987 in der Schweiz zum skandalträchtigen Bestseller. Während Meienberg damals "wie ein Guerillakrieger gegen die verdeckten Narben der Schweiz" (Sonntagszeitung) vorging und sich vor Gericht mit dem Wille-Clan herumschlagen musste, wurde dem Urenkel das Familienarchiv kampflos überlassen.

Doch Schwarzenbachs Buch ist kein Lob der Urgroßmutter, dieser widersprüchlichen und durch eine öffentliche Beziehung zur Wagner-Sängerin Emmy Krüger provozierenden Frau. Trotz seiner familiären Bande wahrt er kritische Distanz, beschönigt nichts, läßt nichts aus. Was diese betont nüchtern daherkommende Biografie einer lebenstrunkenen Frau reizvoll macht, ist das psychologische Porträt der Renée Schwarzenbach-Wille, das der Historiker aufgrund von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Interviews und einer außergewöhnlichen Fülle von Bildmaterial zeichnet. Der Clou sind die zahlreichen Fotoalben der passionierten Fotografin, in denen sie die öffentlichsten wie intimsten Momente festgehalten hat. Renées enthüllende Fotografien, von denen der Autor zahlreiche abgedruckt und einfühlsam interpretiert hat, leiten als roter Faden durchs Labyrinth dieser provozierenden Lebensgeschichte.

MALTE HERWIG

Alexis Schwarzenbach: Die Geborene. Renée Schwarzenbach-Wille und ihre Familie. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2004. 512 Seiten, 30 Euro.

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