Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.2005

Aus einem Irrenhaus

Mihail Sebastians beeindruckendes rumänisches Tagebuch

Es war ein heimtückischer Angriff, brutal und unvermutet: "Iosef Hechter, du bist krank. Du bist substantiell krank, weil du nicht anders kannst als leiden und weil dein Leiden tief begründet ist. Alle Welt leidet, Iosef Hechter, auch die Christen. Aber für uns gibt es einen Ausweg, wir können erlöst werden...Iosef Hechter, fühlst du nicht, dich umfängt Kälte und Dunkel."

Mit diesen Worten schließt das Vorwort, das 1934 der rumänische Philosoph Nae Ionescu für den Roman "Seit zweitausend Jahren" seines Schülers Mihail Sebastian schrieb. Es ist ein in der Literaturgeschichte einzigartiger Vorfall: Ein junger Autor bittet seinen verehrten Mentor und Förderer um eine Einleitung für seinen neuen Roman, und dieser nutzt das Vorwort als Hinterhalt, um seinen Schützling und dessen Werk auf niederträchtigste Weise zu diffamieren.

Denn dieser Iosef Hechter, das ist Sebastian selbst, der 1907 in der kleinen Donaustadt Braila als Kind jüdischer Eltern geboren, dort als Schüler von Ionescu entdeckt wird und bereits als Jurastudent in Bukarest dessen Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Cuvantul" wird. Unter dem Pseudonym Mihail Sebastian kommt der begabte Autor in den dreißiger Jahren bald als Essayist, Dramatiker und Romancier zu einigem Ruhm und schließt sich der Criterion-Gruppe um Ionescu an, zu der auch Mircea Eliade und Emil Cioran gehörten. Als sich Sebastian 1934 trotz der Enttäuschung dazu entschließt, den Roman mit Ionescus Vorwort zu drucken, löst er einen Skandal aus und findet sich zwischen allen Stühlen wieder. Jüdische Verbände greifen ihn als Nestbeschmutzer an, die Antisemiten der rechtsextremen "Eisernen Garde" um den Faschisten Corneliu Zelea Codreanu denunzieren ihn als Juden und Bolschewisten. Sebastian antwortet mit einer glänzenden Polemik. In "Wie ich zum Hooligan wurde" entlarvt er die verquere Ideologie seiner Kritiker und ihr gefährlichstes Mittel, die propagandistische Enteignung des Wortes: "Die schwerste antisemitische Waffe ist weder der Revolver noch der Stein, sondern etwas ganz anderes: das Zitat. Ist nicht durch Zitate der Ritualmord ,bewiesen' worden?"

Die Debatte um Sebastians autobiographisch geprägten Roman über jüdisch-rumänische Identität spiegelt exemplarisch den Irrsinn einer Zeit, in der Nationalsozialismus und Rassenwahn die Gehirne vernebelten und sich ein geistiger Hooliganismus breitmachte. Es ist das "Groß-Rumänien" der Zwischenkriegszeit - ein Reich, das durch Gebietszuwächse nach dem Ersten Weltkrieg auf mehr als die doppelte Größe angewachsen war, ein Agrarland im Umbruch der Modernisierung, ein Nationalstaat mit jüdischen, deutschen und ungarischen Bevölkerungsgruppen, dem die Minderheitenschutzrechte von den Westmächten in die Verfassung diktiert worden waren. Diese Widersprüche und Verwerfungen finden sich auch in der rumänischen Kunst der Zwischenkriegsepoche wieder. Während Traditionalisten wie Lucian Blaga die nationale und kulturelle Eigenständigkeit Rumäniens propagierten, öffneten sich vor allem die Vertreter der "Jungen Generation", zu der auch Sebastian gehörte, dem Westen und der Moderne. Sebastians Mentor, der Philosophieprofessor, Journalist und Politiker Nae Ionescu, war der geistige Fixpunkt dieser Gruppe von jungen Intellektuellen, die - mit Ausnahme Sebastians - ihm schließlich in die ideologischen Abgründe des Antisemitismus und Ultranationalismus folgten.

Doppelzüngige Freundschaft

Nach der Übersetzung von Sebastians Romanen "Seit zweitausend Jahren" (1996) und "Der Unfall" (2002) liegen jetzt endlich seine Tagebücher aus den Jahren 1935 bis 1944 in deutscher Sprache vor. Sie sind ein einzigartiges und ergreifendes Dokument des moralischen Verfalls einer Gesellschaft. Die Wandlung des mephistophelischen Gurus Nae Ionescu vom väterlichen Freund zum infamen Antisemiten ist typisch für den Irrsinn dieser Zeit, den Sebastians Journal schonungslos, unpathetisch und mit großer Sensibilität aufzeichnet. Schockierend die unverhohlene Direktheit, mit der Freunde wie Mircea Eliade Sebastian gegenüber Sympathien für Hitler und Antisemitismus bekunden. Schon 1937 muß sich Sebastian eingestehen: "Ich sehe mich nicht imstande, die Doppelzüngigkeit zu ertragen, zu der uns unsere Freundschaft nötigt, seit sie alle zur ,Eisernen Garde' bekehrt worden sind. Mirceas letzte Artikel in der ,Vremea' sind immer legionärsfreundlicher geworden. Einige wollte ich gar nicht mehr lesen. Ist denn eine Freundschaft mit Menschen möglich, die eine ganze Reihe mir fremder Ideen und Gefühle teilen, derart fremde Ideen, daß es schon betretenes Schweigen auslöst, wenn ich ins Zimmer komme?"

Dabei ist es bezeichnend für Sebastian, daß er sich auch nach Ionescus Verrat nicht von seinem Mentor und ehemaligen Freund abwendet. Bisweilen liest sich sein Tagebuch wie das medizinische Protokoll einer langsam einsetzenden, dann immer radikaler wuchernden Krankheit, wenn Sebastian bei seinen Gesprächspartnern "antisemitische Syphilis dritten Grades" diagnostiziert und von den "antisemitischen Anfällen" seiner Freunde berichtet. Häufig kann er seine Fassungslosigkeit nur mühsam verbergen: "Ich nickte immer zustimmend zu allem, was sie sagten, eben wie in einem Sanatorium, wo man den Patienten auch nicht widersprechen darf." Solche medizinischen Metaphern mögen kein scharfes ideologiekritisches Instrument, gar ein Zeichen von Hilflosigkeit sein. Aber sie zeugen von der großen Humanität dieses Autors, der von seinen Freunden auch dann nicht lassen will, als sie bereits vom Faschismus infiziert sind, sondern sie trotz allem voller Teilnahme und Betroffenheit begleitet.

Während sie, die Opportunisten, Wendehälse und Mitläufer, Karriere machen, wird der Jude Sebastian mehr und mehr in die Isolation getrieben, leidet unter den ab 1938 immer heftiger werdenden Repressalien, unter ständiger Geldnot, Entfremdung, Einsamkeit. 1940 tritt das von einer faschistischen Militärdiktatur unter Führung des Marschalls Ion Antonescu regierte Rumänien dem Bündnis der Achsenmächte Deutschland und Italien bei, es kommt bis zum Sturz Antonescus 1944 wiederholt zu antisemitischen Ausschreitungen und Pogromen, zahlreiche antijüdische Gesetze werden erlassen, die Juden aus Bessarabien und der Bukowina in das besetzte Transnistrien deportiert. Da ist vieles, was man aus anderen Zeitzeugenberichten, etwa den Tagebüchern Anne Franks und Victor Klemperers, kennt: die Angst vor Deportation, das Nebeneinander von Mut und Hoffnungslosigkeit, die "tausend Mückenstiche" (Klemperer) der Verbote und Verordnungen. Sebastian muß seine Skier abgeben, sein geliebtes Radio, sein Fahrrad, muß als Zwangsarbeiter tagelang Schnee schaufeln. Doch seit der Enteignung der Juden, seit den Deportationen und Massakern von 1941 erscheinen ihm all diese "kleinen, dreckigen Gemeinheiten" als grotesk, kindisch, idiotisch.

Reden gegen den Irrsinn

Gegen den Ekel bewahrt sich Sebastian die "tröstende Ironie" und einen Sinn für das Absurde und Makabre seiner Lage: "Wir gewöhnen uns an die grotesken Situationen. Wenn sie nicht gerade tragische, tödliche Ausmaße annehmen, sind wir nur die Statisten einer Komödie." Tatsächlich bekommt das stumpfsinnige, hilflose Leben in Verfolgung und Weltkrieg hier etwas Dramenhaftes. Das Welttheater des Absurden feiert Premiere im Leben des Mihail Sebastian und seiner Bukarester Bekanntschaften: Von Größenwahn befallene Professoren, machtlüsterne Bürokraten, von allen guten Geistern verlassene Intellektuelle bevölkern die Seiten des Journals und reden und reden und reden, während Krieg und Diktatur die Schlinge enger ziehen: "Immer wieder die gleichen Sachen, die wir uns auf fast mechanische Weise unzählige Male sagen, ohne daß sie auch nur das Geringste ändern. Wie in einer Irrenanstalt, wo harmlose, manische Verrückte ihren Ticks und fixen Ideen nachhängen."

Und doch geht Sebastian nie auf Distanz zu den Menschen, bemüht sich bei aller Kritik um Verständnis. Sein Tagebuch ist eine abgeschiedene Ecke in dieser Hölle, in der ihn das Schreiben und die Literatur am Leben halten. Und hier, im weitläufigen Versteck der Dichtung, geschieht etwas Erstaunliches. Der Jude und Schriftsteller Mihail Sebastian findet zu sich selbst, und er wehrt sich gegen das ihm auferlegte Leiden, bekennt sich inmitten all der Greuel und des Entsetzens zu seinem Judentum und zum Leben. Über die Juden schreibt er: "Wir alle leben in großer Gefahr, einer Gefahr, deren wir uns auch bewußt sind. Und doch verbindet uns eine Art ironische, märtyrerhafte, mutige Jugendlichkeit, die womöglich einen großen Lebensdrang beweist."

Als sich nach Jahren der Angst und Hoffnung endlich im Herbst 1944 das Blatt wendet, der Diktator Antonescu gestürzt wird und die Rote Armee in Bukarest einmarschiert, empfindet Sebastian die Niederlage Nazideutschlands auch als persönlichen Triumph. Er arbeitet kurzzeitig für die kommunistische Zeitschrift "Romania Libera", erkennt aber schon bald die Zeichen neuer Unterdrückung und Unfreiheit am Horizont und kündigt seine Mitarbeit auf: "Das einzige, wonach wir uns gesehnt haben, war die Freiheit. Nicht eine neue Definition der Freiheit, sondern die Freiheit. Nach so vielen Jahren des Terrors haben wir es nicht mehr nötig, daß man uns erklärt, was Freiheit ist. Das wissen wir schon selbst. Keine Floskel kann sie ersetzen." Das neue Leben, das Sebastian nach der Befreiung beginnen wollte, fand ein jähes Ende. Im Mai 1945 starb er, als er auf dem Weg zu einer Vorlesung von einem Lastwagen überfahren wurde.

Daß Sebastian in Deutschland noch wenig bekannt ist, liegt nicht zuletzt daran, daß er nach seinem frühen Tod auch in seinem Heimatland lange vergessen war. Als seine Tagebücher 1996 in Bukarest veröffentlicht wurden, kam das nicht nur einer literarischen Sensation gleich, sondern löste zugleich eine heftige Debatte über die Rolle führender rumänischer Intellektueller während des Faschismus aus. Von den bekanntesten Namen - Eliade, Cioran, Ionescu - abgesehen, wird kaum ein deutscher Leser die Größen und die Größenwahnsinnigen kennen, die im Bukarest der dreißiger und vierziger Jahre eine Rolle spielten. Doch es lohnt sich, Bekanntschaft mit der Welt des Mihail Sebastian zu machen, mit diesen Protopopescus, Bibescus, Petrescus und Vulcanescus, deren fremd klingende Namen genausogut einem Theaterstück entstammen könnten. Denn das Drama dieser Tagebücher ist ein menschliches.  

Mihail Sebastian: "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt". Tagebücher 1935-1944. Aus dem Rumänischen übersetzt von Edward Kanterian und Rainer Erb. Claassen Verlag, München 2005. 864 S., geb., 26,- [Euro].

MALTE HERWIG

 

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