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Hitler und die Deutschen – das war von Anfang an die Geschichte einer unheimlichen Faszination. Die törichte Verehrung des erfolgreichsten deutschen Hasspredigers mag sich nach jahrzehntelangem volkspädagogischem Bemühen bei den meisten Deutschen in aufgeklärte Abscheu verkehrt haben. Aber ganz sicher kann man da nie sein.

Als die Kuratoren des Deutschen Historischen Museums vor zwei Jahren eine Ausstellung über „Hitler und die Deutschen“ zeigten, rannte ihnen das Publikum in Berlin Mitte  die Türen ein. Man hatte lange nicht gesehene Exponate aus den dunkelsten Ecken des Museumsdepots gekramt: Nazi-Nippes, der mal groß in Mode gewesen war,  Untertassen mit SS-Runen, Führer-Kartenspiel und Hakenkreuzlampions. Die vorzüglich kuratierte Schau stellte der Führer-Faszination die Verbrechen gegenüber, zu denen sich die Deutschen durch Hitler hatten anstiften lassen.

Doch ganz geheuer war die Sache auch den Ausstellungsmachern nicht. Im Interview mit dem „stern“ erklärte Kuratorin Simone Erpel, warum Hitlers Dinner-Jacket nicht zu sehen war:

„Solche Berührungsreliquien bergen die Gefahr eines Führerkults. Auch wenn Hitler so etwas nur einmal angezogen hat. Es soll aber Distanz zwischen Besuchern und Hitler gewahrt bleiben. Auch das angebliche Schädelfragment Hitlers aus Moskau zeigen wir nicht. Das würde ja auch nichts zum Erkenntnisgewinn beitragen“

Fünfundsechzig Jahre Vergangenheitsbewältigung hin oder her, anscheinend steht noch heute zu befürchten, daß in Sachen Hitler bei den Deutschen die böse Faszination stärker wirken könnte als der volkspädagogische Erkenntnisgewinn.

Dieser Auffassung ist offensichtlich auch der Freistaat Bayern, der vor kurzem einen britischen Verleger gerichtlich daran hinderte, von Historikern kommentierte Auszüge aus Hitlers Mein Kampf an deutsche Zeitungsstände zu bringen. 

Und das ist vielleicht eines der größten Mißverständnisse der Nachkriegszeit: Daß wir inzwischen so viel aus der Geschichte gelernt hätten, daß sie sich nie wiederhole, daß aber gleichzeitig die Quellen dieser Geschichte nach wie vor als so gefährlich gelten, daß sie besser im Giftschrank verschlossen bleiben.

Dabei konnte schon Mitte der Dreißiger Jahre kein des Lesens Mächtiger mehr behaupten, Hitlers wahre Absichten nicht zu kennen. Denn zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Bücher erschienen, in denen diese Ziele klar und deutlich formuliert wurden.

Das eine dieser beiden Bücher war ein schlecht formuliertes Machwerk, aber es stand in jedem deutschen Bücherschrank. Das andere war brillant geschrieben und hellsichtig, aber nur in einem kleinen Schweizer Verlag erschienen.

Es ist müßig, aber dennoch faszinierend zu spekulieren, welchen Verlauf wohl die deutsche Geschichte genommen hätte, wenn nicht Hitlers Mein Kampf, sondern Konrad Heidens 1936 erschienene Hitler-Biographie in Hochzeitsausgaben und Sonderdrucken unter die Deutschen gebracht worden wäre.

Unter den Eidgenossen und zahlreichen deutschen Emigranten in der Schweiz immerhin fand Heidens so materialreiche wie scharfsinnige Analyse viele Leser. Das deutsche Generalkonsulat in Zürich kabelte bereits kurz nach der Veröffentlichung nach Berlin:

„Das Buch ist gefährlich und wird, da der Verfasser stets versteht, sich den Anschein der Objektivität zu geben, in weiten hiesigen Kreisen, insbesondere bei den Intellektuellen eine für uns ungünstige Wirkung hervorrufen“

Konrad Heiden wußte, wovon er schrieb. Der Sohn eines Sozialdemokraten und einer Jüdin wurde 1901 in München geboren, wuchs in Frankfurt auf, und kehrte 1920 wieder in die bayerische Landeshauptstadt zurück, um Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dort besuchte er schon in den frühen zwanziger Jahren als Journalist Parteiveranstaltungen der NSDAP und beobachtete Hitlers Aufstieg aus dem Dunst der Münchner Bierlokale aus nächster Nähe:

„Man muß nicht glauben, daß dieser unbeherrschte Mensch mit den schlechten Manieren ein beliebter Tafelaufsatz der Münchner Gesellschaft gewesen sei. Er wurde wenig eingeladen, die Salons hielten bis 1923 einen fast nirgends durchbrochenen Boykott gegen ihn durch. Ein schüchterner und linkischer Mensch, auffallend durch seine hastige Gier beim Essen und seine übertriebenen Verbeugungen, wurde er aus der Nähe schnell uninteressant. […] Wenn das allgemeine Urteil ihn mit einem Kellner oder Friseur verglich, so war das nicht als Kränkung dieser Stände gemeint, denn kein Kellner oder Friseur hat je so ausgesehen, wie der Adolf Hitler von 1923; man dachte nur an die fade Idealschönheit, der Hitler damals zustrebte.“

Hitler als Kellner? Diese polemische wie erbarmungslos treffsichere Analyse konnte der Nazipropaganda nicht gefallen, die den „Führer“ zur gleichen Zeit mit allen Mitteln der Massenpsychologie zu verklären suchte. Hitler wie ihn keiner kennt lautet der Titel eines Fotobandes von Hitlers Hofporträtisten Heinrich Hoffmann. Dieser Satz hätte auch und mit viel mehr Recht über Konrad Heidens Werk stehen können.

Was der Journalist, der 1933 aus Deutschland emigrierte, nicht aus eigener Anschauung gesehen hatte, das hatte er recherchiert und eine beeindruckende Fülle an Material über Hitlers Leben zusammengetragen, von der Hitler-Biographien bis heute zehren.

Manches Detail mag von späteren Historikern korrigiert, manches Urteil relativiert worden sein. Und doch ist erstaunlich, was jeder Leser schon damals, schon 1936 hätte wissen können über diesen Hitler.

Mit wenigen gut gesetzten Federstrichen versteht es Heiden, dem Führermythos vom unaufhaltsamen Aufstieg empfindliche Kratzer beizubringen, etwa in der Beschreibung von Hitlers Existenz im Obdachlosenasyl:

„Auf harter Drahtpritsche eine dünne Decke, als Kopfkissen die eigenen Kleider, die Schuhe unter den Bettfüssen festgeklemmt, damit sie nicht gestohlen werden, links und rechts die Genossen des gleichen Elends – so verbringt Adolf Hitler die nächsten Monate“

Heiden zeigt die klaffenden Widersprüche in Hitlers Weltbild auf: der selbsternannte Arbeiterführer, der tatsächlich Arbeiter verachtet; der Judenhasser, der als mittelloser Asylant in Wien mit Juden befreundet war und sich von ihnen aushalten ließ.

Die größte Stärke dieser Biographie  ist Heidens klare Analyse der Hitlerschen Psychologie anhand seiner Reden und Schriften.  Wenn Hitler in Mein Kampf über die politische Lektüre seiner Wiener Jugendjahre schreibt, mit denen er sich für Stammtischreden munitionierte, dann kommentiert das Heiden:

„Gescheite Sätze, zumal für einen Redner. Aber auch verräterische, zumal für einen Propheten. Es ist vielleicht das Aufhellendste, was Hitler jemals über sich geschrieben hat. […] Das ist der fanatische Wille zur Borniertheit, der nur lernen will, was er schon weiß; der den Schmerz der Erkenntnis scheut und nur das Wohlgefühl des Rechthabens sucht. Und nun stelle man sich vor, wie ein Mensch mit solchem Hang zum Vorurteil später fremde Völker und Rassen nach den einseitigen Jugendeindrücken Wiens beurteilen, verkennen und verleumden mußte!“

Heidens Hitler-Biographie erschien in einer Auflage von mehr als 50.000 Exemplaren, sie wurde ins Englische und Französische übersetzt. 1937 wurde Konrad Heiden aus Deutschland ausgebürgert und sein Vermögen beschlagnahmt. Nach der Besetzung Frankreichs floh er 1940 in die USA.

Schon ein Jahr zuvor war in New York sein Buch „The New Inquisition“ erschienen, in dem er die Novemberpogrome von 1938 schildert. 1966 starb Konrad Heiden von Deutschland und der Welt vergessen in New York City.

Wer im Rückblick mahnt und warnt, hat es leicht. Konrad Heiden aber war seiner Zeit voraus. Das ist das Außerordentliche, daß diese nun neu aufgelegte Biographie zu einer so wichtigen Lektüre macht.

Von Hitler und Mein Kampf geht heute keine ernsthafte Gefahr mehr aus. Aber die Demokratie ist heute in Europa neuen Gefahren ausgesetzt, und man wünscht sich einen hellsichtigen Autor wie Konrad Heiden, der diese Gefahren so deutlich aufzeigt. Im Vorwort seiner Hitler-Biographie beschwor der Journalist gegen Hitlers Machtstreben die friedliche Einigung Europas:

„Nicht das Sicherheitsverlangen ängstlicher Nationen, sondern das neue Hochgefühl einer stolzen europäischen Zukunft, weit alle beschränkten nationalen Zielsetzungen überflügelnd, wird die Gefahren von heute bannen. Erst wenn die Ziele des kommenden Europa größer sind als die der heutigen Machthaber, wird auch sein Kraftbewußtsein stärker sein als ihre Drohungen“

Es sind diese Worte aus der ersten Biographie über Adolf Hitler, die gerade wir Deutschen in Zeiten einer neuen europäischen Krise beherzigen sollten.

Konrad Heiden: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Ein Mann gegen Europa, Europa Verlag Zürich, 768 Seiten, 29,00 Euro. 

Deutschlandradio Kultur, gesendet am 6. Mai 2012.

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