Kommentar

Stille Post vom toten Paten: Peter Handkes neues Theaterstück “Immer noch Sturm” (ZEIT 23.09.10)

Heute veröffentlicht DIE ZEIT exklusiv Auszüge aus den biographischen Quellen, die Peter Handke zu seinem neuen Werk Immer noch Sturm inspirierten. Handke hatte mir in Paris Einblick in die Feldpostbriefe und ein handschriftliches Studienbuch seines 1943 in Rußland gefallenen Onkels Gregor Siutz gewährt.

Als ich im Mai 2009 zusammen mit Handke in seinem Geburtsort Griffen unterwegs war, stellte er mich auch seinem 91jährigen Onkel Georg (“Jure”) Siutz vor, der mir slowenische Lieder vorsang, seine Urkunde als Schachmeister im kanadischen Kriegsgefangenenlager zeigte und auch sonst ganz fidel war. Georg Siutz hat als einziger der drei Siutz-Brüder den Krieg überlebt, Gregor und Hans fielen beide 1943.  Im Keller von Georgs Haus tauchten dann die Feldpostbriefe der Familie wieder auf, und Handke arbeitete sie in sein Theaterstück ein.

Gregor Siutz (geb. 1913) war Handkes Taufpate im Dezember 1942, wurde aber von seiner Schwester Ursula vertreten, da er im Feld lag. Er studierte von 1932 bis 1937 auf der Landwirtschaftsschule im slowenischen Maribor und fiel 1943 als Wehrmachtssoldat auf der Halbinsel Krim. Sein Buch über den Obstbau und die Feldpostbriefe wurden in Handkes Kindheit immer wieder im Kreis der Familie vorgelesen.

Handkes neues Theaterstück Immer noch Sturm handelt vom Widerstandskampf der Kärntner Partisanen gegen den Nationalsozialismus. Der Autor läßt darin zahlreiche Mitglieder aus seiner Familie verhüllt auftreten und zitiert aus diesen Feldpostbriefen wie aus einer Liturgie.

Todesanzeige Gregor Siutz, 1943

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